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Der Fotojournalist Shah Marai kam Ende April bei einem Anschlag ums Leben. Foto: democracynow.org (https://www.democracynow.org/2018/4/30/headlines/8_journalists_including_famed_photographer_killed_in_isis_bombing_in_afghanistan), Lizenz: CC BY-NC-ND 3.0 US (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/us/) Der Fotojournalist Shah Marai kam Ende April bei einem Anschlag ums Leben. Foto: democracynow.org (https://www.democracynow.org/2018/4/30/headlines/8_journalists_including_famed_photographer_killed_in_isis_bombing_in_afghanistan), Lizenz: CC BY-NC-ND 3.0 US (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/us/)

Ein Doppelanschlag in Kabul und im Süden Afghanistans hat Ende April gleich zehn Journalisten das Leben gekostet – ein neuer Negativ-Rekord. Im Fokus dabei sind unter anderem einige mehr oder weniger prominente afghanische Autoren, wie der Fotograf Shah Marai. Von Martin Gerner.

In Kabul ist vor kurzem, am 30. April, wenige Tage vor dem Tag der Pressefreiheit am 3. Mai, mein langjähriger Kollege, der Agence France Press (AFP)-Fotograf Shah Marai bei einem mutmaßlichen Anschlag des IS ums Leben gekommen. Weitere acht seiner Reporter-Kollegen starben bei dem selben Anschlag.

Als die Reporter nach der ersten Explosion an den Tatort kamen, hatte sich ein Attentäter unter sie gemischt. Seine Sprengstoffladung detonierte aus einer Fotokamera heraus. Mit Sprengstoff versteckt in einer Fotokamera hatten Auftragnehmer von Al-Qaida 2001 in Afghanistan auch Ahmad Shah Massoud getötet, den Anführer des damaligen Widerstandes gegen die Taliban. Zehn tote Journalisten und Journalistinnen an einem Tag – das hat es noch nicht gegeben in Afghanistan und ist auch nach Statistiken internationaler Organisationen wie Reporter ohne Grenzen extrem ungewöhnlich.

Afghanische Journalisten-Verbände sprechen von einem „gezielten Angriff auf die Pressefreiheit“ am Hindukusch. Es ist nicht das erste Mal, dass gleich mehrere Medien-Vertreter in Afghanistan Ziel eines Terror-Angriffs werden. Es ist auch nicht das erste Mal, dass es das Team der  Nachrichten-Agentur AFP in Kabul trifft. Vor vier Jahren starb zum Beispiel der AFP-Reporter und Fotograf Sardar Ahmad im Kugelhagel eines Taliban-Angriffs auf das Serena-Hotel in Kabul.

 Ein afghanischer Journalist mit Pulitzer-Preis

Mit Shah Marai verband mich weniger eine enge Freundschaft, als vielmehr ein tiefer Respekt zwischen Kollegen. Früh, schon seit 2001 und dem Sturz der Taliban, besuchte ich regelmäßig das Büro der AFP in Kabul, wo er mit meinem Freund Massoud Hosseini zusammen als Foto-Reporter arbeitete. Massoud sollte 2012 als erster afghanischer Journalist den ersten Pulitzer-Preis gewinnen. Natürlich, ist man versucht zu sagen, für ein Foto-Motiv, das einen Anschlag in Kabul und seine entstellten Opfer zeigt. Mit den frischen Lorbeeren verließ Massoud kurz danach AFP und wechselte zum Associated Press-Büro (AP) in Kabul. Seitdem hat Shah Marai seine Stelle bei AFP, die er bis ans Ende bewundernswert ausgefüllt hat.

 

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Shah Marai verdanken die westlichen Medien über die Jahre von 1998 bis heute rund 18.000 Fotos, die seine Agentur in den bekannten Nutzerarchiven freigegeben hat. Einige dieser Bilder sind uns auf den Titelseiten westlicher Tageszeitungen begegnet, der New York Times, der Washington Post, des Spiegels oder auf internationalen Print/Online-Seiten. In der Regel, ohne dass wir vom Namen des Urhebers Notiz genommen haben oder Kenntnis hatten.

So hat Shah Marai das Bild von Afghanistan in den westlichen Medien mitgeprägt, mehr als das Bild in seiner Heimat Afghanistan selbst. Gelernt hat er vieles mit der Kamera selbst. Er war ein Autodidakt. Noch unter den Taliban hatte Marai mit der Fotografie begonnen. Seine kleine Kamera, damals noch analog, versteckte er unter seinen Kleidern. Fotografieren bedeutete damals, andere Risiken einzugehen als heute.

Die Suche nach dem Alltag

Die Fotos, die jetzt im Zusammenhang mit Marais Tod veröffentlicht werden, sind dabei nicht minder ausdrucksstark als die der internationalen Kollegen und Kolleginnen. Oft sind sie so traumatisierend, wie sie lebensspendend und ermunternd sein können. Bilder zerfetzter Körper hier, Motive hoffnungsvoller Gesichter im Alltag dort.

Wie alle afghanischen Fotografen, die ich über die Jahre kennengelernt habe, hat sich Marai immer dafür eingesetzt, dass auch Bilder und Motive aus dem Kriegs- und Konfliktalltag Teil seiner Arbeit sind und den Weg in unsere westlichen Medien finden. Es war ihm wichtig, nicht nur Bombenopfer und Frauen in Burka zu zeigen, sondern auch Menschen mit Tatendrang, mit Würde, lachende Menschen, solche mit Hoffnung, mit Bildung oder dem Hunger danach, Menschen, die über vielerlei Erfahrungen und Talente verfügen. Dies vor allem dort, wo unsere Medien(-Macher) nur nach Extremen wie Terror und Armut suchen, oder Afghanistan als Synonym für Exotik und Fremdheit inszenieren.

Das Risiko war ständig mit Marai, besonders wenn es darum ging, den Ort eines Anschlags abzubilden, mit seinen Opfern und all der Zerstörung rundum, den Körperteilen in den Baumkronen und den kleinen Jungen, Kindern noch, die hinaufsteigen und sie für die Polizei vom Baum holen oder von der Straße auflesen. Keine Gruppe unter den Medienschaffenden und Journalisten ist mehr gefährdet als Fotografen und Kameramänner, als die Bildreporter unsere Tage, gleich ob Männer oder Frauen, von denen es auch einige wenige gibt. Sie sind, manchmal noch vor den schreibenden Kollegen, an erster Front. Von ihnen erwartet die Medienwelt, dass sie die ersten Bilder und damit Schlagzeilen liefern.

Ein gezielter Angriff auf Journalisten

Der Anschlag, bei dem Marai den Tod fand, war eine Falle. Mit anderen Kollegen war er an den Tatort in Kabul geeilt, als ein zweiter Zündsatz neben ihm und seinen Kollegen detonierte. „Um die Gefahr wissen wir ständig“, erzählte mir einmal Massoud Hosseini, „die Risiken, die damit einhergehen, zu verdrängen ist Teil unseres Alltags.“

Traumatisierung, Depression, Rückzug verschiedener Art: Wenig überraschend hat die Arbeit als Foto-Reporter – im Afghanistan-Krieg wie in allen bewaffneten Konflikten – ihren Preis. Dennoch hatte Shah Marai im persönlichen Gespräch immer ein warmes, ungezwungenes Lächeln parat, keine Flausen oder Hirngespinste im Kopf. Er schien mir stets geerdet und auf eine unprätentiöse, sympathische Art heimatverbunden zu sein.

Während andere, auch im eigenen Umkreis, ihm nahelegten oder ihn aufforderten, seinen Job an den Nagel zu hängen oder gar die Ausreise in Erwägung zu ziehen, war er einfach nur von seiner Arbeit eingenommen, überzeugt und hat sie geliebt, trotz all der Opfer, die sie für die Familie nach sich zog. Das gilt, dürfen wir annehmen, auch für die übrigen neun afghanischen Journalisten, die in jener Woche in Afghanistan den Tod fanden.

„It’s a time of anxiety”

Die sehr persönlichen, übersetzten Blog-Einträge von Shah Marai, welche AFP unlängst veröffentlicht hat, sind für mich noch einmal wie eine gemeinsame Gefühls-Fahrt durch all die Jahre in Kabul und Afghanistan vom Ende der Taliban-Zeit bis heute: von der Hoffnung – „I could photograph them as much as I wanted. You could travel anywhere, south, east, west. Everywhere was safe” – , über aufkeimende Fragen und Zweifel – „Then in 2004, the Taliban came back. First in the Ghazni province… they began to spread out, like a virus… targeting places frequented by foreigners. The party was over“, – bis zum Gefühl einer persönlichen Sackgasse, in der er, wie auch die gesamte afghanische Gesellschaft, immer noch funktionieren muss. Und mit seiner bitteren Erkenntnis nach all der Mühe: „I have never felt life to have so little prospects and I don’t see a way out. It’s a time of anxiety.“

Zweifellos sind einem afghanischen Fotografen in den Diensten einer westlichen Nachrichten-Agentur wie AFP gelegentlich die Hände gebunden gewesen. Nicht zufällig ist afghanischen Fotografen in den jetzt fast zwei Jahrzehnten nach der US-/Nato-Intervention aufgefallen, dass sie immer wieder einem von westlichen Vorstellungen geprägten Bild von Afghanistan, ihrer eigenen Heimat, hinterherlaufen. Dabei blieben ihre eigenen Bild-Welten und -Wünsche ein ums andere Mal auf der Strecke. So hat sich im Lauf der Jahre eine eigene, afghanische Foto-Agentur gegründet, die zum Ziel hat, ein mehr originär afghanisches Bild einzufangen und zu vermitteln.

Die Medien hängen auch von internationalen Geldern ab

Was die Pressefreiheit in Afghanistan betrifft, so gilt einerseits unverändert: Presse und Medien gehören zu den aufstrebenden Bereichen des öffentlichen Lebens in Afghanistan nach 2001. Davon zeugen mehr als 40 TV-Sender, mehr als 100 nationale und lokale Radio-Stationen, darunter einige ausschließlich mit weiblichen Reporterinnen, und zahlreiche Print-Erzeugnisse. Letztere in der Regel allerdings mit geringen Auflagen von 1.000 bis 8.000 Exemplaren.

Ohne anhaltende Gelder internationaler Organisationen wie den Vereinten Nationen, der EU, der Weltbank oder der Gruppe der Geberländer würde diese Vielfalt bis heute nicht bestehen können. Auch, weil ein selbsttragender Werbemarkt in Afghanistan fehlt, der Wirtschaften für unabhängige Medien rentabel machen könnte. So hängen viele der TV-Sender und neuen Mediengruppen an reichen beziehungsweise neu-reichen Unternehmern, die oft mehr auf Gewinnmaximierung als auf Ausbau der Pressefreiheit aus sind.

Andererseits gilt aber auch: Nach Abzug der meisten ausländischen Truppen haben Gewalt und fehlende Sicherheit zuletzt erheblich zugenommen. Journalisten wurden und werden von vielerlei Seiten immer wieder eingeschüchtert, unter Druck gesetzt und drangsaliert. Die Taliban und der sogenannte IS sind die eine Seite der Medaille. Aber auch lokale und nationale warlords und staatliche wie private Milizen oder kriminelle Banden führen Medien auf der Liste ihrer Feinde. So ambivalent wie diese Fortschritte und Rückschritte ist auch die Bilanz in Zahlen: Afghanistan rangiert auf Rang 118 von über 180 Staaten auf dem internationalen Index für Pressefreiheit.

Eine Reihe von Gesetzeswerken und Kodizes schützen afghanische Journalisten und Medienschaffende auf dem Papier. Der Westen ist stolz darauf. Faktisch aber können afghanische Reporter das Recht auf Zugang zu öffentlichen Quellen oder den Schutz eigener Quellen selten durchsetzen. (Medien-) Recht gibt es nur, wo eine auf die vierte Gewalt und die tägliche Umsetzung verbrieften Rechts im Sinne der Verfassung sensibilisierte Justiz am Werk ist.

Nichts in Afghanistan ist unumkehrbar

Der Weg dahin ist lang. Einiges in Afghanistan ist mit Sicherheit erreicht worden in den letzten Jahren, vieles bleibt umzusetzen. Eine Kultur der Selbstzensur, der gesellschaftlich verankerten Tabus, über Religion und Korruption kritisch und investigativ zu berichten, geht beziehungsweise kommt nicht über Nacht.

Nichts aber, das habe ich in den Jahren meines Lebens am Hindukusch gelernt, scheint unumkehrbar in Afghanistan. Die Präsenz von Frauen in den Medien ist ein Beispiel dafür. In Städten wie Kabul, Mazar oder Herat sind sie in Fernseh-Nachrichten und vor der Kamera nach wie vor präsent. So entstehen zurzeit unter anderem neue TV-Frauen-Sender, die mit dem fast schleierfreien Haupt ihrer Protagonistinnen kokettieren.

Aber seit die Kämpfe wieder zunehmen und das konservative Lager im Land seine Stellungen in der Öffentlichkeit, in Politik und Medien wieder ausgebaut hat, gibt es hier auch einen Back-lash zu beobachten: Überall, wo keine schützenden Institutionen in der Nähe sind – Medien-Gewerkschaften und -Verbände, Menschenrechtsorganisationen, Botschaften, Akteure der Zivilgesellschaft und offen kooperierende staatliche Medien-Akteure – sind vor allem weibliche Reporterinnen und Journalistinnen in der Defensive und in der Provinz oft ohne Möglichkeiten, an Ausbildungen oder täglicher Redaktionsarbeit teilzunehmen und ihren Beruf auszuüben.

„Wir“, die internationalen Geber und Akteure, auch Medien, müssten eigentlich darauf reagieren. Mit einer langfristigen, durchdachten Strategie und Maßnahmen, die die lessons learned der vergangenen Jahre ernst nehmen und umsetzen. Das würde beinhalten, an einem Tag wie heute mit starker Stimme für die Rechte und Ziele vor allem afghanischer Medien in Afghanistan einzustehen.

Konkret heißt das: die Bedingungen für Ausbildung und professionellen Journalismus verstärken, und zwar mit langfristigen Curricula. Workshops, die nicht oder zu wenig aufeinander aufbauen, haben junge afghanische Journalisten und Journalistinnen zu viele durchlaufen über die letzten 15 Jahre. Immer war und ist Kabul dabei privilegiert, Herat und Mazar vielleicht noch. Es muss also auch mehr in die Provinzen wirken, was im aktuellen Zustand Risiken birgt, aber nicht unmöglich ist. Voraussetzung dafür ist, soziale Akteure in den Provinzen mit einzubeziehen.

Schließlich muss ein Verständnis von der (positiven) Rolle der Medien unter all denen wachsen, die die vierte Gewalt als ihren Feind ansehen. Dies wiederum setzt Bildung, Dialog und Aussöhnung voraus. Ziele, bei denen auch die Geberländer Einfluss nehmen können und müssen.

 

Martin Gerner ist freier ARD-Korrespondent und Alsharq-Autor. Er berichtet regelmäßig aus Konflikt – und Krisengebieten, Nahen und Mittlerem Osten, der arabischen Welt und Afghanistan. Sein Dokumentarfilm „Generation Kunduz“ wurde international ausgezeichnet.

 

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