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Daniel Walter, Kolumnist und Vorstandsmitglied bei Alsharq, ist freier Autor mit Sitz in Berlin. Grafik: Tobias Pietsch Daniel Walter, Kolumnist und Vorstandsmitglied bei Alsharq, ist freier Autor mit Sitz in Berlin. Grafik: Tobias Pietsch

„Warum ausgerechnet diese Region?“ Diese Frage begleitet eine Person mit Studien- und Arbeitsschwerpunkt Westasien und Nordafrika unentwegt. Daniel Walter über die Region als Fetisch alter Orientalisten-Männer und Abenteuerspielplatz deutscher Bionade-Kinder.

Dieser Text ist Teil der Alsharq-Kolumne „Des:orientierungen“.
Alle Texte der Kolumne finden Sie hier.

Es gibt Studiengänge, bei denen niemand nach den Gründen für deren Wahl fragt. Wirtschaftsingenieur*innen oder Systeminformatiker*innen erlebt man selten unter Rechtfertigungszwang. Die Perspektive auf einen auskömmlichen Job samt klar definierbarem Beitrag zur Produktionskette der Exportnation verschaffen der Studienwahl eine stille Autorität. Schaman*innen und Mediziner*innen waren noch in jeder sozialen Formation der Menschheitsgeschichte tragende Säulen. Lehrer*innen unterrichten, Richter*innen sprechen Recht. So ist das.

Spätestens seit der Bologna-Prozess den betriebswirtschaftlichen Nutzwert des Studiums unweigerlich in den Vordergrund reformierte, eiferten Studis um die Wette: In Mensen und Regionalzugabteilen aller 16 Bundesbildungsländer hörte man sie palavern über das letzte Praktikum in Chile, die heißesten Abkürzungen zu den ECTS, stets angereichert durch Tipps aus der einschlägigen Ratgeberliteratur wie NEON und ZEIT Campus. Da ist es doch bemerkenswert, dass Fächer der Sprach- und Geisteswissenschaften, die ganz und gar vom Vorwurf des „Unnützen“ behaftet sind, in den vergangenen 15 Jahren einen Boom erlebten: Islamwissenschaften, Arabistik, Iranistik scheinen in Deutschland im Trend zu liegen.

Warum? Liegt es an 9/11 und den daran anschließenden Kriegen, seit Neuestem an „Flüchtlingskrise und Terrorgefahr“, wie die FAZ in düsteren Tönen schreibt?

Vom Kinderzimmer ins “Feld”

Für meine Generation, geboren im Jahr des Mauerfalls und aufgewachsen in einer Dekade, in der die USA die einzige Supermacht waren, stellen die Anschläge vom 11. September und die Invasion des Irak zweifellos politisierende Erfahrungen dar. Mittags liefen auf MTV stets die Single-Charts, doch als ich am 11. September 2001 von der Schule nach Hause kam, war das Fernsehprogramm unterbrochen. Den Einmarsch in den Irak verfolgte ich als Dreizehnjähriger ebenfalls vor der elterlichen Glotze. Ihr merkt, ich qualifiziere mich nicht gerade als Subalterner. Ohne den Iran-Irak-Krieg würde es mich zwar nicht geben (ein Elternteil war aufgrund des Kriegs nach Deutschland desertiert). Aber ich hatte das Privileg, nie von Verfolgung oder brutalen Konflikten bedroht worden zu sein. Und ich bin mir sicher, dem absoluten Großteil der Studierenden von „Orient“-Fächern geht es genauso. Irgendetwas musste meine Altersgenoss*innen also in diese Studiengänge treiben, wenn es schon nicht ein direkter Bezug war, wie man es wohl noch von einem deutschen Muttersprachler behaupten könnte, der sich für ein Studium der Germanistik entscheidet. Ich weiß nicht, wie viele Gespräche ich geführt habe, die sich um diese Frage drehten: „Und warum hast Du Dich für die Region entschieden?“

An einer identitätspolitischen Sackgasse habe ich, allein schon aus Gründen des Internationalismus, kein Interesse. Auch Johanna und Malte dürfen sich für mamlukische Architektur oder persische Dichtung aus dem 13. Jahrhundert interessieren. Ja, ich denke sogar, dass es, wenngleich begrenzt, eine Form unschuldigen, humanistischen Interesses gibt, wie es der Historiker Jürgen Osterhammel 1998 in „Die Entzauberung Asiens“ dargelegt hat. Außerdem ist es wichtig, Personen mit ausgewiesener Landesexpertise (mindestens mehrjährige Aufenthalte, exzellente Sprachkenntnisse, lebendigen Kontakt in die Gesellschaft) im öffentlichen Diskurs zurate ziehen zu können.

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Es wäre jedoch töricht, zu glauben, der systematische Aufbau solcher Expertise unterläge keinem politischen Willen. So war es nicht etwa reines kulturpolitisches Interesse, dass das Auswärtige Amt Projekte wie „Qantara.de“ und systematisch mehr Expertise zur sogenannten „islamischen Welt“ aufbaute. Dies geschah im Rahmen des sogenannten „War on Terror“. Ihre derart politische Einbettung delegitimiert solcherlei offizielle Projekte nicht, aber die Politiken stellen nicht zuletzt auch einen Teilaspekt des Booms der entsprechenden Studiengänge dar. Deshalb müssen Johanna und Malte sich die Frage nach dem „warum“ nicht nur gefallen lassen, sondern sollten sie sich konsequent selbst stellen: Denn sich aus der Komfortzone bundesrepublikanischer Kinderzimmer für ein Studium der Islamwissenschaften o.Ä. zu entscheiden, das bedeutet (fast) immer auch ein unglaubliches Machtgefälle zwischen Forscher*in und „Forschungsgegenstand“ in Kauf zu nehmen.

Wo ist der postcolonial turn in der deutschen Orientalistik?

Als Disclaimer gehört an diese Stelle, dass ich selbst nie einen dieser Studiengänge in Deutschland belegt habe, mit Ausnahme einiger Persischkurse. Als für mich feststand, meinem Studium der Politikwissenschaften eine regionale Spezialisierung aufsatteln zu wollen, kam für mich eigentlich nur das Studium im Ausland in Erwägung.

Von anglo-amerikanischem Zuschnitt geprägte Studiengänge der Regionalwissenschaften wie etwa „Middle Eastern Studies“ haben zwar eine viel direkte Verbindung zu imperialen Politiken. Doch die verschiedensten theoretischen Strömungen der „Postcolonial Studies“ sind äußerst wirkmächtig in ihnen aufgegangen und sorgten damit für eine tendenziell reflektierte und selbstkritische Forschungsausrichtung. Die deutsche Orientalistik ist in weiten Teilen hingegen noch immer erschreckend altbacken: Die noch immer tonangebenden Fachrichtungen altgeschichtlicher und philologischer Prägung halten die Auseinandersetzung mit der materiellen Kultur der Menschen für profan. Sie pflegen häufig einen elitären Dünkel, der gegenwartsbezogene Forschung belächelt.

Der fehlende postcolonial turn in der deutschen Orientalistik kommt dabei schlimmstenfalls in rassistischem Gewand zum Vorschein: Ob sie denn ihr Thema auch wirklich unbefangen bearbeiten könne, fragte der Leiter einer Auswahlkommission eine kurdische Freundin, die zu Kurd*innen forschen wollte. Richtig „objektiv“ sein, das können in der Welt dieser alten Orientalisten (i.d.R. Männer) nur sie selbst. Vom kritischen Hinterfragen der eigenen Rolle, Motivation und Machtposition ist die deutsche Orientalistik leider weit entfernt. Dieser Prozess würde damit beginnen, dass alle Studierende sich die Frage nach dem „warum“ stellen.

Abenteurer, die ihr Herz verlieren

Über die Jahre habe ich darauf die verschiedensten Antworten gehört. Doch mein Unbehagen bleibt bis heute nicht nur bestehen, es ist sogar drastisch gewachsen: Jedes Mal, wenn ich eine Person unreflektiert den Alltag anderer Menschen zu ihrem privaten Abenteuerspielplatz machen sehe. Auftritt Clara-Sophie: Sie erzählt ihren Freundinnen von einem „super spannenden“ Praktikum im Libanon. Einmal war sie „in einem Flüchtlingscamp“ und die Begegnungen dort waren „echt die krassesten Erlebnisse.“ Sodann erzählt sie von einer für ihre Abschlussarbeit interviewten Familie, die zwei Söhne im (Syrien?-)Krieg verloren haben. Kein Zeichen der Scham, nur egozentrischer Elendstourismus, der im CV gut aussieht und die Würde des Gegenübers mit Füßen tritt.

Clara-Sophies gibt es viele: Vier Studierende geben Spiegel Online Antworten auf die Frage nach ihrem Interesse am Studium der Islamwissenschaften. Da ist „die Geschäftsfrau“, die sich gar nicht erst um humanistische Bildungsgedanken oder anderes Gedöns kümmert, sondern Sprachfertigkeiten als Dosenöffner für die Geldbüchse „Arabische Welt“ begreift. Soweit, so FDP. Immerhin aufrichtiger Marktliberalismus. „Die Idealistin“, „der Schriftgelehrte“ und „der Abenteurer“ betitelt SPON die drei anderen Interviewten, tatsächlich wiederkehrende Figuren dieses Mikrokosmos. In der Regel fallen bei der Erklärung die Worte „faszinierend“, „spannend“, „interessant“, „mein Herz verloren“ – als ob dies hinreichende Erklärungen wären. Der offenkundige Fetisch, der damit einhergeht, wird dabei aufgrund der betriebsinternen Selbstverleugnung gerne übersehen. Anders kann ich mir zumindest die zahlreichen Pärchen, die auf Feldforschungstrips entstanden und zerbrochen sind, nicht erklären.

Bei all den Herzen, die in Westasien und Nordafrika schon verloren wurden, ist es daher ein Glück, dass so viele Studierende in diesen Ländern sich für „was Ordentliches“ entscheiden: Medizin, vielleicht sogar mit Spezialfeld Kardiologie.

 

Der Kolumnist: Daniel Walter hat u.a. Middle Eastern Studies im schwedischen Lund studiert. Er ist freier Autor mit Sitz in Berlin und engagiert sich im Vorstand von Alsharq e.V. 

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4 Responses to “Verlorene Herzen”

  1. Svenja H.

    Hallo Daniel, vielen Dank für den Artikel, der sich durchaus mit einer wichtigen Frage auseinandersetzt. In welcher Rolle stecken Menschen, die aus Europa, dem Kontinent der Kolonialherren, kommen, und sich für den Nahen Osten interessieren. Ich finde es richtig, die identitätspolitische Kritik als Sackgasse zu bezeichnen. Andererseits ist mir auch deine Antwort nicht differenziert genug, denn es gibt nicht nur die Romantiker mit den verlorenen Herzen oder die Karrieretypen, die beim Auswärtigem Amt „den Feind“ erforschen wollen. Letztens habe ich nach der Vorlesung „Europa und der Nahe Osten“ von meinem Geschichtsinstitut einen Spruch an der Toilettenwand gefunden, der für mich perfekt passte: „If you are neutral in situations of injustice, you have chosen the side of the oppressor.“ Ich denke, das ist eine Frage, die sich die Studierenden eigentlich stellen müssten. Erkenne ich das Unrecht und wie verhalte ich mich dazu? Dies ist jedoch eine Frage, die für weitaus mehr Studiengänge und Lebenssituationen zutrifft, also nur für die Middle Eastern Studies. Wir müssen uns unserer politischen Verantwortung klar werden und die Unterdrückung erkennen. Es geht dann nicht um das Retten, um das Demokratie Bringen oder das Belehren, sondern um das Erkennen von den schon bestehenden Kämpfen in dieser Region gegen Unterdrückung. Diesen Kämpfen hier auch Ausdruck zu verleihen, das sollte meiner Meinung nach auch hier unsere Aufgabe sein und dann ist es auch gar nicht mehr notwendig, eine Kultur zu romantisieren, sondern das Gegenüber ernst zu nehmen und als handelndes Subjekt zu begreifen.
    Alles Liebe, Svenja

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  2. Christian Ulrich

    Und in Schweden wird Middle Eastern Studies aus Nächstenliebe angeboten?

    Antworten
  3. Luzi

    Und was interessiert dich an der Region?
    Welcher Erklärung für Interesse an der Region würdest du nicht mit Ablehnung und Überlegenheit begegnen?
    Welche anderen Berufe werden nicht aus idealistischen, wirtschaftlichen oder selbst-verwirklichenden Gründen ergriffen? Und wie kommst du dazu, die Wahl und Ausübung der Tätigkeit anhand der persönlichen Beweggründe abzuwerten?
    Eine schöne Ausgangsfrage, aber schade dass du darauf keine andere Antwort hast.

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  4. Miriam

    Hi, danke erstmal für den Artikel. Eine Sache ist mir dabei aber aufgefallen. Du sprichst das Machtgefälle an, das zwischen den deutschen Studierenden und dem „nahöstlichen Forschungsgegenstand“ besteht und setzt das dann mehrfach in Verbindung mit „Clara-Sophies“ (Synonym für bio(?)deutsche Bionadekinder). Ich denke aber, dass durchaus ein ähnliches, wenn nicht sogar gleiches Machtgefälle zwischen deutschen Faruks / Samiras / Youssefs etc. besteht / bestehen kann. Zum einen verengt deine Argumentation dabei die sozioökonomische Komponente, die dieses Machtgefälle bedingt und eben auch auf nicht „bio-deutsche“ Student_innen der Islamwissenschaft / Orientalistik etc.zutrifft / zutreffen kann. Zum anderen reproduzierst du damit Stereotype; in dem Sinn, dass du unterschwellig Student_innen mit „Migrationshintergrund aus den Forschungsländern“ in eine sozio-ökonomische, kulturelle etc. Kategorie steckst, die unausweichlich eine Nähe zu den Forschungsländern unterstellt. Das ist aber nicht / nicht immer der Fall. Ein deutsche_r Student_in der Isalmwissenschaft mit irakischer / iranischer / ägyptischer etc. Familiengeschichte, der einer Ärztefamilie entstammt, hat unter Umständen die gleiche (ökonomische, philanthropische etc.) Motivation sowie die gleiche fragwürdige Begeisterung über „krasse Erlebnisse“. Oder betrachte die Menschen vor Ort sowie die Länder in denen sie leben ganz in weißer, postkolonialer Manier als weniger entwickelt und schließt sich freudig-feiernd der internationalen Expat-Community an. Die Argumentation tappt in die gleiche Falle wie die Annahme Menschen mit „Migrationsgeschichte“ würden automatisch Geflüchteten positiv gegenüberstehen bzw. diesen kulturell etc. näher stehen.

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  1.  Orientalistik? Was ist das? Und warum studiert man das? – V – das Studentenmagazin.

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