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Emine Aslan ist Studentin und Aktivistin. Grafik: Tobias Pietsch. Emine Aslan ist Studentin und Aktivistin. Grafik: Tobias Pietsch.

Was bedeutet es, während des Erwachsenwerdens mit rassistischen Morden konfrontiert zu sein – wenn man selbst rassifiziert wurde und wird? Emine Aslan über die Schock-Kultur als kollektive Erinnerung.

Dieser Text ist Teil der Alsharq-Kolumne „Des:orientierungen“.
Alle Texte der Kolumne finden Sie hier.

„Kulturschock“ – ein Begriff, der mich seit meiner frühen Kindheit begleitet und meistens von weißen Deutschen an mich herangetragen wurde. In Erzählungen über ihre „exotischen“ Auslandserfahrungen und den „Kulturschock“, den sie dort erlebt hatten, oder im Zusammenhang mit Migrant*innen, People of Color, muslimischen Menschen und Geflüchteten in Deutschland. Zum Beispiel darüber, was für einen „Kulturschock“ ebenjene erleben müssten, wenn sie hier zum ersten Mal emanzipierten unabhängigen Frauen begegneten – und dass sie erst einmal lernen müssten, damit umzugehen.

Wenn ich mich heute zu dem Aufwachsen mit diesen und schlimmeren Debatten ins Verhältnis setze, möchte ich diesen Begriff einmal auf den Kopf stellen.

„Schock-Kultur“.

Ein schockartiger Gefühlszustand, der zur kollektiven (Erinnerungs-)Kultur von Menschen wird, die jahrzehntelang über kulturalisierte Diskurse zu einem rassifizierten Kollektiv gemacht wurden. Schock-Kultur soll hier einen in regelmäßigen Abständen erlebten kollektiven Schock beschreiben, der in einem unmittelbaren Zusammenhang der Rassifizierung als gemeinsame und dennoch unterschiedliche Erfahrung dieser Menschen stattfindet. Schock-Kultur ist auf der anderen Seite aber auch weiße Kultur, die triggert, reizt, unter den Teppich kehrt, mit doppeltem Maß misst, belächelt, und Victim Shaming betreibt.

A difficult walk down memory lane

Erinnerungen, das lernte ich eigentlich ziemlich früh in meiner Kindheit, sind nicht zwangsläufig Dinge, die auf der eigenen erlebten Erfahrung beruhen und in der Gegenwart abgerufen werden. Sie umfassen auch Ereignisse in der Vergangenheit, auf die sich aufgrund gegenwärtiger Fragen und Probleme sinnstiftend bezogen wird.

Ich war drei Jahre alt, als es passierte. Daran habe ich keine Erinnerung. Ich nahm es nicht wahr, und dennoch sollte es rückwirkend Bestandteil meiner Erinnerungskultur werden. Um genau zu sein, war ich sogar erst zwei Jahre alt, als es passierte. Denn eine Emine, die in der Grundschule noch größtenteils als „die Türkin“ definiert wurde, auch wenn Biographien komplizierter und verstrickter sind, sollte später ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie 1993 mit 1992 zusammenhängt, und mit 2000, und 2001, 2004, 2005, und 2009.

 


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1992. Rostock-Lichtenhagen. Ich habe Fotos von mir als zweijähriges Kind vor Augen, und Videos von dem Horror, dem rassistischen Mob in Rostock-Lichtenhagen. Von der brennenden Unterkunft vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen. Wie Menschen dabei zusahen und das geschehen ließen.

1993. Solingen. Ein Jahr nach Rostock-Lichtenhagen zünden Nazis das Haus der Familie Genç an. Erst kürzlich hat sich dieser rassistische Angriff zum 25. Mal gejährt.

2000. Sieben Jahre später. Ich war zehn Jahre alt. Der erste der NSU-Morde fand stand.
Ein Jahr später mordet der NSU noch weitere drei Mal. Ich war elf Jahre alt. Die Öffentlichkeit und Politiker*innen redeten von „Döner-Morden“. Das kannte ich. In der Schule fanden es die weißen Kinder besonders witzig, Döner- und Knoblauchwitze über mich zu reißen.

Drei Jahre später. Ich war vierzehn Jahre alt. Der NSU mordete erneut. Man weigerte sich, einen rassistischen Zusammenhang zwischen diesen Morden zu erkennen. Victim Blaming war Programm. Nichts Neues im Abendland.

Ein Jahr später. Fünfzehn. Drei Morde. Zwei weitere gehen auf den NSU zurück. Ismail Yaşar, Theodoros Boulgarides. Ein Mord in einer Polizeizelle in Dessau. Oury Jalloh.

Ein weiteres Jahr später. Keine kollektive Heilung in Sicht. Degradierung der Angehörigen, Victim Blaming, Dehumanisierung unseres Leids, unserer Trauer, unserer Toten. Der NSU nimmt zwei weitere Leben, Mehmet Kubaşık und Halil Yozgat, von uns.

Drei Jahre später, ich bin neunzehn und entscheide mich, den Hijab zu tragen. Marwa El-Sherbini wird wegen ihres Hijabs auf einem öffentlichen Spielplatz von einem Nazi rassistisch beleidigt und von diesem später während einer Gerichtsanhörung, vor den Augen ihres Kindes und ihres Mannes, mit 16 Messerstichen ermordet. Fünf Tage lang wird das Thema in der medialen Öffentlichkeit beschwiegen.

Ein Jahr später muss ich erkennen, dass nicht nur Nazis Rassisten sind. Ich muss mir wieder unfreiwillig anhören, weshalb „wir Muslime“, „wir Migranten“ diesem Land nichts als Probleme machen würden, warum Thilo Sarrazin ja doch auch irgendwie recht habe, warum das ja „nichts gegen mich“ sei, „aber…“ Unsere Vergangenheiten holen mich in einem schockartigen Gefühlszustand ein, als mir Lehrer*innen und Klassenkamerad*innen ihren Rassismus an den Kopf knallen. Diese Ohnmacht, das Gefühl, die eigene Humanität verteidigen zu müssen, als Individuum so viele kollektive Traumata und Erinnerungen mit sich herumzutragen, in jeder dieser Debatten keinen Einzelfall vor Augen zu haben, nicht nur in individuellen Diskussionen gegen die Ignoranz, den Rassismus, das Victim Blaming anzureden – sondern ständig, in Dauerschleife, wie ein wiederkehrendes Gebet, eine Beschwörung, im öffentlichen Raum Existenzen zu verteidigen… Schock-Kultur.

Ich war zwei Jahre alt, als es passierte. Ich war drei Jahre alt, als es passierte. Ich war zehn Jahre alt. Ich war elf Jahre alt. Ich war vierzehn Jahre alt. Ich war fünfzehn Jahre alt. Ich war sechzehn Jahre alt. Ich war neunzehn Jahre alt.

Es wiederholte sich. Ein Jahr später. Sieben Jahre später. Ein Jahr später. Drei Jahre später. Ein Jahr später. Ein Jahr später. Drei Jahre später.

Wir kämpften und kämpfen immer noch um die richtige Erinnerung an diese Morde. Unzählige Aktivist*innen, Angehörige, Betroffene, Allies, die die Dinge in unermüdlichen Kämpfen ins richtige Licht rück(t)en. Aus dem schockartigen Gefühlszustand heraus verstehen, trauern, erkennen, benennen, (be)kämpfen.

All of this and I wonder… what legacy will my kids inherit one day? We’ll be ancestors to their struggles.

 

Die Kolumnistin: Emine Aslan ist Studentin und Aktivistin und veröffentlichte bisher sowohl in wissenschaftlichen, als auch essayistischen Sammelbänden. Ab und zu bloggt sie noch auf diasporareflektionen.wordpress.com

 
 

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One Response to “Aufwachsen: Eine Chronik kollektiver „Schock-Kultur“”

  1. Svenja

    Danke für diesen Artikel. Es schockt, dass nach Messerstichen durch einen afghanischen Täter das Medienecho enorm ist und monatelang Nazis aufmarschieren, während ich zugegebenermaßen noch nie von Marwa el-Sherbini gehört hatte #sayhername
    Noch eine off-topic-Anmerkung zum Schlusssatz: Niemand ist gezwungen, Kinder zu bekommen und sie irgendwelchen Struggeln auszusetzen, seien sie rassistischer oder allgemein menschlicher Art #antinatalism

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