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Die Eimerdusche ist ein wiederkehrendes Motiv der Reinigung und des Vergessens im performativen Theaterstück "Sāl Sāniye" des iranischen Regisseurs Hamid Pourazari. Foto: Fatemeh Arabi. Die Eimerdusche ist ein wiederkehrendes Motiv der Reinigung und des Vergessens im performativen Theaterstück "Sāl Sāniye" des iranischen Regisseurs Hamid Pourazari. Foto: Fatemeh Aarabi.

Das iranische Theater stand stets unter dem Einfluss des „Westens“ – und doch hat es in den letzten Jahren eine starke Eigendynamik entwickelt. Getragen von einer jungen Generation ist es, so die iranische Schauspielerin Saeide Niazkhani, zu einem Leitmedium politischer und sozialer Themen in Iran geworden. Von Corinna Sahl und Marie Michalke.

Dieser Text erscheint im Rahmen unserer Berichterstattung
rund um das Kulturfestival „Wundern über tanawo“, das im März in Hamburg stattfindet.
Alsharq ist Medienpartner des Festivals. Hintergründe haben wir hier aufgeschrieben.

 

Formen der darstellenden Kunst sind in Iran schon seit vielen Jahrhunderten verbreitet. Einerseits als volkstümliche Verarbeitung mythischer Heldenerzählungen, andererseits in Form religiöser Passionsspiele, der so genannten Ta’zieh. Letztere finden auch heute noch im islamischen Monat Muharram statt und schildern das Martyrium des schiitischen Imams Hossein. Neben diesen bis heute bestehenden religiösen und volkstümlichen Darstellungen etablierte sich in den vergangenen Jahrhunderten auch eine „westlich“ orientierte Form des Theaters in Iran.

Das 16. Jahrhundert stellt einen bedeutenden Einschnitt in der Geschichte Irans dar: Unter der Herrscherdynastie der Safawiden (1501-1722) beginnt ein reger politischer, wirtschaftlicher und kultureller Austausch mit Europa, den die nachfolgende Dynastie der Qajaren (1779-1925) fortsetzt. Als Folge dessen wandelt sich das iranische Theater in Inhalt und Form. Schauspiel-Salons und Bühnen werden gegründet – vorrangig für die gehobene Gesellschaftsschicht – und erste am „westlichen“ Vorbild orientierte Theaterstücke geschrieben.

Insbesondere unter dem Qajaren-Herrscher Naser al-Din Shah (1831-1896) schlägt sich dieser europäische Einfluss nieder. In der Hauptstadt Teheran lässt er nördlich des alten Stadtzentrums die Lalehzar-Straße errichten, die das iranische Pendant zu den Pariser Champs-Élysées werden soll. Zwar erreicht die Lalehzar-Straße niemals annähernd diese Pracht, wird aber nichtsdestotrotz mit ihren Theatern, Kinos und Cafés zum Symbol des neuen, modernen und künstlerischen Irans. Auch während der Herrschaft durch die Pahlavi-Dynastie (1925-1979) bleibt die Lalehzar-Straße das Zentrum des künstlerischen Schaffens und erlebt eine Hochzeit des iranischen Schauspiels, Films und der iranischen Musik.

Die Islamische Revolution 1979 und der Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 88 setzen dieser Entwicklung ein abruptes Ende. Etwa ein Jahrzehnt lang gibt es kaum künstlerische Aufführungen in Iran. Ab den 1990ern kommt zwar wieder Bewegung in das künstlerisches Schaffen im Bereich des Theaters, dieses hinkt jedoch den „westlichen“ Entwicklungen in der darstellenden Kunst hinterher.

Das neue iranische Theater

Ein neuer Aufschwung des Theaters beginnt um die 2000er. Es werden private Theaterhäuser gegründet, ebenso wie private Kunstgalerien. Vor allem junge Menschen interessierten sich für Kunst allgemein und darstellende Kunstformen im Besonderen. Theater wird zum Studienfach und neue Formen von Theater, wie die performative Kunst, werden geschaffen. Grund für diesen Aufschwung ist laut vieler Theaterschaffenden das Internet, welches die Welt näher rücken lässt und eine Form der Vernetzung möglich macht, die mehr Einfluss von außen und damit mehr Austausch schafft. Dennoch bleibt das Theater der wohlhabenderen, gebildeteren Mittel- und Oberschicht vorbehalten.

 

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Heute ist die Theaterszene von vielen großen und kleinen privaten Bühnen und Kunsträumen bestimmt, die einen innovativen, dynamischen Stil von Performances entstehen lassen. Doch der Einfluss „von außen“ bleibt unbestreitbar stark, da viele Künstler_innen im Ausland studieren, dorthin reisen oder übers Internet verbunden sind.

Nichtsdestoweniger entwickelt sich eine eigene Form von Theater – auch gerade weil die Situation in Iran als ‚besonders’ gilt und stets mit den Fragen verbunden ist wie: Was ist erlaubt, was nicht? Welche Themen werden eventuell zensiert, welche nicht? Die Grenzen werden dabei stetig ausgeweitet. Was heute geht, ging vor ein paar Jahren noch nicht. Dennoch sind die Künstler_innen in Iran eingeschränkt in ihren Ausdrucksmitteln. 

 

Portrait der iranischen Schauspielerin Saeide Niahkhani. Foto: Fatemeh Aarabi.

Saeide Niahkhani. Foto: Fatemeh Aarabi.

 

Für die iranische Schauspielerin Saeide Niazkhani, die im Rahmen des Festivals „Wundern über tanawo’“ im Theaterstück „Sāl Sāniye“ in Hamburg zu sehen sein wird, ist das iranische Theater kulturelle Nahrung. Dabei sind Themen mit gesellschaftlichem Bezug zwar im Trend, jedoch keinesfalls die einzige Form der schauspielerischen Unterhaltung in Iran. Auch komödiantische Stücke, die ganz ohne die sozio-ökonomische Komponente auskommen, sind gerne und oft gesehen. In der letzten Zeit erfährt insbesondere das experimentelle Theater öffnetliche Aufmerksamkeit. Es ermöglicht eine neue Perspektive, die dekonstruiert und die Grenzen zwischen Zuschauer_innen und Schauspieler_innen, Bühnenbild und Zuschauerraum bricht, verschiebt oder zu einer Entität verschwimmen lässt.

Das performative Theaterstück „Sāl Sāniye“

Diese dekonstruktivistischen Aspekte finden sich auch in „Sāl Sāniye“ wieder. Hamid Pourazari ist Regisseur des Stücks und gilt als eine Schlüsselfigur des iranischen Theaters. Mit seiner unkonventionellen Art des performativen und experimentellen Theaters prägt er eine neue Generation von Theatertätigen, in der untypische Orte wie Parkplätze und Tennisplätze zur Bühne umfunktioniert werden.

Oft erarbeitet er in Workshops Projekte mit Laien und jungen Professionellen. Die Teilnehmenden setzen sich darin mit einem vorgegebenen Thema auseinander und erstellen einen Rahmen für das Stück. Eine Storyline fehlt meist, die Szenen bestehen aus bruchstückhaften Wörtern und Sätzen, die auf der Bühne performt werden und sehr dynamisch und innovativ wirken.

„Sāl Sāniye“ (Das Jahr der Sekunde) feiert im Rahmen des Festivals “Wundern über tanawo’” seine Deutschlandpremiere im Hamburger Kampnagel. Das Stück entstand aus einem Workshop der iranischen Theatergruppe “Pâpatihâ” (Die Barfüßigen) . Diese besteht aus zehn iranischen SchauspielerInnen, die sich – unter der Leitung von Regisseur Pourazari – für unterschiedliche Projekte immer wieder zusammen finden. 2013 wurde “Pâpatihâ” vom Schweizer Festival „SPEKTAKEL“ für die Inszenierung eines Theaterstück eingeladen. Nach einer einjährigen Vorbereitungsphase und Theaterproben an einem geheimen Ort in Teheran entstand das Stück „Sāl Sāniye“.

 

Hamid Pourazari und Saeide Niazkhani. Foto: Fatemeh Aarabi.

Regisseur Hamid Purazari und Schauspielerin Saeide Niazkhani. Foto: Fatemeh Aarabi.

 

Uraufgeführt wurde es 2014 beim SPEKTAKEL in Zürich und im Sommer 2015 dann in Teheran im Sa’dābād-Kulturzentrum vor mehr als 5000 Zuschauern. Das Stück erhielt viel positive Kritik und konnte eine diverse und große Zuschauerzahl begeistern. Mit der Aufführung im Kampnagel wird „Sāl Sāniye“ nun zum vierten Mal auf die internationale Bühne gebracht. Für Pourazari stellt das Stück einen Prozess dar, der nie abgeschlossen sein wird und stetige Veränderung mit sich bringt. Demnach wird jede Aufführung ein bisschen anders sein als die vorherige.

Frauen als Initiatorinnen von Wandel

Der produktive Prozess des Aufarbeitens geht in “Sāl Sāniye“ nur von Frauen aus. Diese Entscheidung beruht auf Pourazari’s Ansicht, dass gesellschaftliche Veränderung, insbesondere in einer Gesellschaft wie der iranischen, nur von Frauen ausgehen kann. Frauen sind allgemein Handlungs- und Bewegungseinschränkungen ausgesetzt, die sich Männer nicht vorstellen können. Zudem werden die Erfahrungen von Frauen nicht öffentlich behandelt.

Aus diesem Grund müssen sich Frauen zwangsläufig mit Problemen viel intensiver auseinandersetzen. Schließlich ist Ziel der Anstrengungen, die viele Frauen unternehmen, den Status Quo zu durchbrechen. Sie sind somit die Initiatorinnen der Aufarbeitung vergangener Fehler und bestehender Denkstrukturen.

Niazkhani unterstreicht, wie wichtig es ist, dass jede Frau ihre eigene Geschichte im Stück hat. Doch neben der eigenen Geschichte gibt es auch ein gemeinsames Thema, das alle zehn Charaktere in „Sāl Sāniye“ miteinander verbindet: das Vergessen. Jede der zehn Frauen ist an einen Punkt in ihrem Leben gelangt, an dem sie etwas vergessen möchte. Insofern könnten die zehn Frauen auch eine einzige Frau sein, die in verschiedenen Stationen ihres Lebens dargestellt wird, in denen sie sich an Schlüsselmomente ihres Lebens erinnert und gesellschaftliche Rollen und vorgeschriebene Normen hinterfragt.

Daneben ist das Stück durch die Aufarbeitung des Erinnerns geprägt. Das Hinterfragen wird zu einer Art rituellen Handlung, die ständig wiederholt wird und sich an Zeit und Ort anpasst. Als wiederkehrendes Motiv des Vergessens und Sich-Lösens aus der Vergangenheit schütten die Frauen Wasser über sich, um sich zu reinigen und alte Irrtümer und bestehende Denkstrukturen, die sie durch Wiederholung und Analyse aufgearbeitet haben, endlich hinter sich lassen. Gleichzeitig versuchen sie, ihre eigenen Persönlichkeiten wiederzufinden. Am Ende des Stücks scheint es, als würden sie ihr Ziel erreichen.

 

Das Festival „Wundern über tanawo“ findet vom 15. – 18. März 2018 in Hamburg statt.

Sāl Sāniye wird am 16. und 17. März um 20.30 Uhr und am 18. März um 18.30 Uhr aufgeführt, jeweils im Kampnagel.

Mehr Informationen zum Festival und zum Programm unter www.tanawo-festival.org

 

 
 

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