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Panzer der türkischen Armee auf dem Weg nach Afrin, Ende Januar 2018. Quelle: VOA/Wikimedia Commons, Lizenz: Public Domain Panzer der türkischen Armee auf dem Weg nach Afrin, Ende Januar 2018. Quelle: VOA/Wikimedia Commons, Lizenz: Public Domain

Große Teile des kurdisch-syrischen Afrin sind inzwischen von der türkischen Armee erobert worden. Afrin-Stadt ist bis auf einen schmalen Korridor gänzlich umschlossen. Konnten die Verteidiger*innen der Stadt den Angriff bislang aufhalten oder zumindest verlangsamen, scheint nun ein Sieg der türkischen Armee mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung in Afrin möglich zu sein, schreibt Ismail Küpeli

Seit dem 20. Januar 2018 greift die türkische Armee mit ihren syrisch-arabischen Verbündeten das kurdische Afrin in der Autonomieregion Rojava an und zerstört damit eine der letzten relativ friedlichen Regionen in Syrien. In den ersten Kriegswochen schien es so, als habe die türkische Regierung, wie so oft, die eigenen militärischen Fähigkeiten überschätzt und die syrisch-kurdischen Verteidiger*innen von Afrin unterschätzt.

Die türkische Armee schaffte es, trotz massiver Artillerie- und Luftangriffe, nur wenige Dörfer entlang der türkisch-syrischen Grenze zu erobern und erlitt hohe Verluste. Insbesondere die syrisch-arabischen Verbündeten der türkischen Armee, die unter dem Label Freie Syrische Armee“ (FSA) auftreten, in Wirklichkeit aber zahlreiche islamistische und jihadistische Kämpfer vereinen, mussten einen hohen Blutzoll während der Bodenoffensive zahlen.

Diese hohen Verluste führten wiederum zu Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen seitens der türkischen Soldaten und der FSA-Kämpfer an Kämpfer*innen der syrisch-kurdischen Milizen YPG und YPJ sowie an Zivilist*innen in Afrin, die so Rache“ für die eigenen Toten nahmen. Mediale Bilder, wie etwa die Leichenschändung an der YPJ-Kämpferin Barin Kobani durch FSA-Kämpfer, die dabei islamistische und jihadistische Parolen riefen, sorgten in der Weltöffentlichkeit für zusätzliche Empörung.

Wie werden sich die USA verhalten? 

Gleichzeitig kamen Meldungen über Verhandlungen zwischen den Autoritäten der Autonomieregion Rojava, zu der Afrin gehört, und dem Assad-Regime, die zu einem Ende der türkischen Offensive hätten führen können. Der türkische Angriff auf Afrin war damals nur möglich geworden, weil Russland und das Assad-Regime signalisierten, dass sie nicht gegen die türkische Militäroperation vorgehen würden.

Hätten Russland und das Assad-Regime diese Position wieder revidiert und den Angriff auf Afrin als einen Angriff auf Syrien verstanden, wäre die Türkei gezwungen gewesen, diese Offensive einzustellen. Die Verhandlungen zwischen Rojava, Russland und dem Assad-Regime, die vielfach aus politischen und moralischen Gründen kritisiert wurden, haben allerdings am Ende keineswegs zum Erfolg geführt.


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Die USA, die mit YPG und YPJ im Kampf gegen den Islamischen Staat“ (IS) verbündet sind, haben sich aus dem Konflikt um Afrin herausgehalten, weil sie nach wie vor versuchen, sowohl das Bündnis mit YPG und YPJ als auch die Beziehungen zum NATO-Bündnispartner Türkei aufrechtzuerhalten. Wie schon zuvor bei dem Krieg des Erdoğan-Regimes in den kurdischen Gebieten der Türkei betonen die USA, dass die Zusammenarbeit mit YPG und YPJ sich auf den Anti-IS-Kampf beschränkt und sie sich bei den anderen Konflikten nicht zugunsten der syrisch-kurdischen Milizen positionieren.

Diese Politik der USA wird immer unhaltbarer. Denn der Kampf gegen den IS muss vorerst eingestellt werden, weil YPG/YPJ-Kämpfer*innen nach Afrin mobilisiert worden sind, um dort gegen die türkische Armee zu kämpfen. Spätestens wenn die türkische Armee, wie wiederholt angekündigt, nach der Offensive auf Afrin auch die übrigen Gebiete von Rojava angreift, darunter Manbij, Kobane und Cizre, werden die USA sich entscheiden müssen: Entweder sie sorgen dann für ein Ende der türkischen Angriffe oder sie müssen sich aus Nordsyrien zurückziehen und den Kampf gegen den IS gänzlich einstellen.

Die Täter dokumentieren ihre Kriegsverbrechen selbst

Inzwischen kommen, neben der Umzingelung und permanenten Bombardierung Afrins, täglich Meldungen über weitere Dörfer und Ortschaften, die unter die Kontrolle der türkischen Armee und ihren FSA-Verbündeten geraten sind. Dabei tauchen auch immer wieder Videos und Fotos von möglichen Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen seitens der türkischen Soldaten und ihrer Verbündeten auf. Einige Aufnahmen zeigen etwa, wie Kriegsgefangene und Zivilist*innen erschossen werden.

Ebenso ist zu sehen, dass die nicht-muslimischen Bevölkerungsgruppen wie etwa die Eziden von den islamistischen und jihadistischen Kämpfern drangsaliert und bedroht werden. Auffällig ist dabei, dass es sich um Aufnahmen handelt, die von den Tätern selbst gemacht wurden. Offensichtlich sind sie stolz auf ihre Taten und setzen auf die öffentliche Wirkung ihrer Taten, um Angst und Schrecken unter den Menschen in Afrin noch zu vergrößern.

Allerdings ist bei den Kurd*innen in Europa, neben der Angst um die Menschen in Afrin, auch sehr viel Wut und Hass zu beobachten; Wut auf die westlichen Staaten, die entweder tatenlos zusehen wie Afrin in Trümmer gebombt wird oder gar, wie etwa Deutschland, durch politische und militärische Unterstützung der Türkei eine Mitschuld am Angriffskrieg auf Afrin trägt; und Hass auf die türkischen Organisationen und Verbände in Europa, die den Krieg in Afrin offen unterstützen.

Als etwa bekannt wurde, dass auch in Gebetshäusern des türkisch-islamischen Moscheenverbands DITIB, die von der türkischen Religionsbehörde Diyanet kontrolliert werden, für den Sieg der türkischen Armee in Afrin gebetet wurde, kam es zu einem Aufschrei unter den Kurd*innen in Deutschland. Nachdem sie über sechs Wochen lang weitgehend friedlich demonstriert hatten, kippt jetzt die Stimmung. Gerade die junge kurdische Diaspora in Deutschland sieht sich inzwischen im Kriegszustand und es kursieren erste Aufrufe, türkische Einrichtungen in Deutschland anzugreifen.

Ismail Küpeli ist Politikwissenschaftler und Historiker an der Ruhr-Universität Bochum.

Dieser Text erscheint mit freundlicher Genehmigung der Rosa-Luxemburg-Stiftung, wo er zuerst veröffentlich wurde. Das Original findet sich hier

 

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One Response to “Afrin in Trümmern”

  1. Y-Stratege

    Dazu muss man aber auch die Kämpfe im Raum Deir ez Zor betrachten und vermutlich auch Ghouta.

    Den USA geht es darum, einen Bereich von Syrien zu kontrollieren, der einmal die Gaspipeline Iran Mittelmeer unmöglich macht und das sie die Kontrolle über die größten Ölvorkommen in Syrien haben. Der Diebstahl ist Teil der US Poltik. In allen Staaten die sie in den letzten Jahren überfallen haben, werden die Bodenschätze zu ihren Gunsten ausgebeutet (Libyen war einfacher, dort wurde einfach das Vermögen beschlagnahmt).

    Die Türkei werden sicher ihre Gebiete ausbreiten, auch wenn sie etwas anderes sagen. Syrien ist ein Kernbereich des Osmanischen Reichs.

    Letztlich sind die kurdischen Interessen unrelevant für die Weltpolitik. Vor allem wenn diese noch so „sozialistische“ Ideen – wie Räte – haben. Selbst im Irak, wo es deutlicher ein Unabhängigkeitsbestreben gibt wie in Syrien, sind die Kurden nach 20 Jahren nicht weiter gekommen. Ebenfalls trotz Unterstützung der USA.

    Das ganze erinnert an die Situation in der Ukraine in den 20’ern, die ebenfalls ihre Utopien gegenüber allen verteidigen mussten und am Ende doch bei einer Großmacht landeten.

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