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Hinter den Stacheldraht - und dann? Möglicherweise sind die nächsten türkischen Grenzoffiziere nicht weit. Foto: Ayn al-Medina. Hinter den Stacheldraht - und dann? Möglicherweise sind die nächsten türkischen Grenzoffiziere nicht weit. Foto: Ayn al-Medina.

Hat man es von Syrien aus über die Grenze geschafft, ist man noch lange nicht in Sicherheit. Türkische Grenzpolizisten sind dort auf der Jagd nach Einwanderern. Und was sie mit denen tun, die sie erwischen, erinnert häufig an reine Willkür. Von Samher al-Khaled.
Mit diesem Text verabschieden wir uns in eine zweiwöchige Winterpause.

 

Dieser Text erschien zuerst auf unserer Partnerseite Ayn al-Medina.
Wer mehr zu Ayn al-Medina wissen will: Hier haben wir das Projekt vorgestellt.

Aus dem Arabischen von Sara Osman

Bevor sie selbst aufbrechen, haben die meisten Passagiere bereits von den Fluchterfahrungen anderer gehört. Je nach Fluchtweg gibt es feine Unterschiede darin, wie die Gendarmen die gefangen genommenen Flüchtlinge behandeln. Die Fluchtwege unterscheiden sich zwischen jenen, auf denen Familien die Grenze überqueren, und denen, die junge Menschen nutzen.

Je näher die Passagiere an die Grenze kommen, desto klarer können sie die Schüsse der türkischen Gendarmerie hören. In der Regel können die Passagiere die Geräusche der leichten und mittelschweren Waffen unterscheiden, wie zum Beispiel ein NATO-Gewehr, Scharfschützen oder ein Maschinengewehr. Während sich die Gruppe versteckt und auf einen geeigneten Zeitpunkt wartet, um weiterzugehen, erklärt der Wegführer, dass die Gendarmen für gewöhnlich in die Luft schössen. Wenn Leute allerdings vor ihrer Verhaftung wegrannten, dann ziele die Gendarmerie auf Menschen.

Gerücht von einem Schießbefehl

Ein Jugendlicher hatte mir einmal erzählt, dass sein Freund auf der Betonmauer zwischen Syrien und der Türkei angeschossen worden sei. Der Gendarm, der auf ihn geschossen hatte, beharrte bei den Ermittlungen darauf, dass er zunächst Warnschüsse in die Luft abgegeben habe. Erst danach habe er auf den Jugendlichen geschossen, um ihn zu verwunden, aber nicht zu töten.

Die Wegführer bitten die Passagiere immer darum, bei den Gendarmen ihre Identität zu verschweigen, weil sie sonst körperlich schwer bestraft würden. Mittlerweile fragt die Gendarmerie aber schon gar nicht mehr nach den Wegführern, weil sie vermutlich wissen, dass die Flüchtlinge ohnehin keine Auskunft geben werden. Vielleicht glauben sie aber auch inzwischen, dass die Schleuser die Passagiere alleine Richtung Grenze schicken.

Nachdem in letzter Zeit hunderte Flüchtlinge von den Schüssen der Gendarmerie verwundet oder getötet wurden, vermuten Beobachter, dass es auf türkischer Seite einen Schießbefehl gegeben habe. Aufgrund der verschiedensten Vorfälle, die ich persönlich miterlebt habe, bin ich jedoch anderer Meinung.

Türkische Polizisten in Syrien?

Einmal befanden wir uns auf der Fluchtroute al-Izn. Wir waren noch mindestens vier Kilometer von der türkischen Grenze entfernt, als wir von einer Anhöhe auf syrischem Gebiet heftig beschossen wurden. Während wir uns versteckten, sahen wir eine eine andere Gruppe von Flüchtlingen, die wegrannte und dabei einen am Oberschenkel getroffenen Mann zurückließ. Es kursierte das Gerücht, dass die Schützen aus einem syrischen Grenzdorf stammten und im Schleusergeschäft mit den Islamisten von Hayat Tahrir al-Scham im Konflikt stünden. Andere erzählten sich, dass es die türkische Gendarmerie war, die das Feuer eröffnete. Das lässt zwar Zweifel daran aufkommen, dass die Schützen aus dem syrischen Grenzdorf stammten; unmöglich ist keine der Versionen.

Andere Interpretationen der Schleuser gehen davon aus, dass türkisch-alawitische Polizisten oder Gendarme für die Schüsse verantwortlich gewesen seien. Denn es gibt Gruppen der türkischen Gendarmerie, die die Grenze überqueren, um Geld und Gepäck von den Flüchtenden zu stehlen. Solche Vorfälle haben Schleuser oder Kämpfer von Widerstandsgruppen häufig damit beantwortet, dass sie ihrerseits das Feuer auf die türkische Gendarmerie eröffneten.

Schlafmittel für die Kinder

An einem der Haltepunkte auf der Fluchtstrecke bitten Reiseführer die Eltern darum, den Kindern Schlafmittel zu geben, damit sie nicht weinen, wenn sich die Gruppe der Grenze nähert. Denn ansonsten würde die Gendarmerie die gesamte Gruppe bemerken und verhaften.

In dem Moment, in dem die Gendarmen eine Gruppe durch ihre Ferngläser entdecken, schießen sie in die Luft oder in die Nähe der Flüchtlinge. Dann bringen sie die Passagiere zu einer Polizeistation, wo in einer Nacht auch mal 300 Personen ankommen können. Einmal war auch ich einer von ihnen. In so einer Polizeistation befinden sich mitunter Tausende von Inhaftierten.

 


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Manchmal werden die Flüchtlinge direkt nach Syrien zurückgebracht, oder sie werden nach Stunden oder Tagen in Bussen zu einem syrischen Grenzübergang transportiert. Das geschieht aber erst, nachdem sie mit einem Metalldetektor durchsucht und ihre Handys beschlagnahmt wurden. Außerdem werden all ihre Namen notiert und Fotos gemacht.

Mit der Schaufel geschlagen und zum Kloputzen gezwungen

Das zeigt, wie sehr sich die Gendarme an das Gesetz halten, sich nicht an Gefangenen zu vergehen und ihnen ihr Gepäck zurückzugeben – nämlich so gut wie gar nicht. Und das sind noch die Fluchtwege, die Familien nehmen. Auf den Routen, die junge Menschen benutzen, zeigt sich die Gendarmerie sogar brutal – und zwar besonders, wenn die Gruppenführer wegschauen. Einmal war ich in einer Gruppe, in der ein Jugendlicher mit einer Schaufel geschlagen wurde.

In der Regel werden die gefangenen Passagiere für Stunden oder Tage auf dem Basketballplatz des Polizeireviers festgehalten. Die Gendarme verhalten sich dann völlig willkürlich. Einige brachten uns nachts Essen und Decken, während andere uns dazu zwangen, den Rasen um die Polizeistation zu mähen oder die Toilette zu putzen.

Vor kurzer Zeit gab es einen Vorfall, wo ein Auto der Gendarmerie ein Auto mit Flüchtlingen verfolgte, die gerade die Türkei erreicht hatten. Die Gendarmerie rammte das Auto von hinten und eröffnete das Feuer. Nachdem neun Flüchtlinge verwundet waren, stoppte das Auto. Zwei von ihnen starben.

Einer der Überlebenden berichtete, dass viele Polizisten und Journalisten kamen. Dann führte sie die Gendarmerie ab und nahm sie für insgesamt sechs Tage in Gewahrsam, in denen sie in sechs verschiedenen Krankenhäusern waren. Ihnen sei versprochen worden, dass sie in ein Flüchtlingslager in der Türkei gebracht würden, doch am Ende wurden sie gezwungen, ihre Fingerabdrücke auf Dokumenten zur freiwiliigen Ausreise aus der Türkei abzugeben.

 

Redaktion: Maximilian Ellebrecht

Dieser Text ist der letzte Teil einer Artikelserie zur Flucht aus Syrien in die Türkei. Lesen Sie auch Teil 1: Wer sich nicht auskennt, zahlt drauf, sowie Teil 2: Vom Plan zur Realität.

Hinweis: Die Artikelserie erschien bei unserem Partner Ayn al-Medina Ende September, also noch vor dem erneuten Einmarsch der türkischen Truppen in die Region Idlib. Wie sich seither die Lage vor Ort entwickelt hat, ist für uns gerade nicht nachzuvollziehen. Aber zumindest für die Zeit zuvor stellte die hier beschriebene Situation einen Ausschnitt der Realität dar.

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