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Mehmet Ateşçi, Can Dündar und Elmira Bahrami (v.l.). Foto: Ute Langkafel/Maxim-Gorki-Theater Mehmet Ateşçi, Can Dündar und Elmira Bahrami (v.l.). Foto: Ute Langkafel/Maxim-Gorki-Theater

Zum elften Mal jährte sich am 19. Januar der Mord an dem armenischen Journalisten Hrant Dink durch einen türkischen Nationalisten. Die Gedenkveranstaltung im Maxim-Gorki-Theater zeigte vor allem: Die Angehörigen, Kolleg*innen und Kämpfer*innen für eine andere Türkei bleiben stark – in der Trauer wie im Widerstand. Von Daniel Walter

Schon als sich die Gäste noch im Foyer drängelten, wurde die traurige Kontinuität des türkischen Nationalismus von 2007 bis heute bereits deutlich: Taschenkontrollen und zahlreiche Personenschützer sind nötig, wenn der im Berliner Exil lebende Journalist Can Dündar bei einer öffentlichen Veranstaltung auftritt. Dabei schießen einem die Bilder wieder ins Gedächtnis, wie der ehemalige Chefredakteur der Cumhuriyet im Mai 2016 aus dem Istanbuler Gericht kommend, in dem ihm der Prozess wegen „Unterstützung einer Terrororganisation“ gemacht wurde, nur knapp einem Attentat entging.

Nachdem der HDP-Abgeordnete Garo Paylan vor einigen Wochen vor konkreten Anschlagsplänen auf in Deutschland lebende Oppositionelle durch den türkischen Geheimdienst MIT gewarnt hatte und schon wenige Tage später auf den bekannten kurdischen Fußballer Deniz Naki geschossen wurde (ein bemerkenswerter Zufall?), ist klar: Selbst tausende Kilometer von der Heimat entfernt leben kritische Geister und Journalist*innen aus der Türkei im Jahr 2018 in Lebensgefahr.

Unbeirrbarer Wille zur Aussöhnung

Bereits seit einigen Jahren lädt das Berliner Maxim-Gorki-Theater am 19. Januar, dem Jahrestag des Mordes an Hrant Dink, zum „(Ge)Denken“ ein. In einer bewegenden Inszenierung führten Can Dündar und die beiden Schauspieler*innen Mehmet Ateşçi und Elmira Bahrami, begleitet vom Pianisten François Regis, die Anwesenden durch die Lebensstationen Hrant Dinks: von seinem Heranwachsen im armenischen Waisenheim Camp Armen in den 1960- und -70er Jahren, wo auch seine spätere Ehefrau Rakel lebte; über seine mehrfache Inhaftierung nach dem Militärputsch 1980 bis hin zur Gründung der Zeitung Agos im Jahr 1996.

Letzteres zu einer Zeit, in der, wie Can Dündar betonte, die Staatsführung der Türkei den kurdischen PKK-Anführer Abdullah Öcalan als „armenisches Geschwür“ bezeichnete, die Grenze zur angrenzenden Republik Armenien geschlossen und der Völkermord an den Armenier*innen im Jahr 1918 ein absolutes Tabu waren.

In der auf Armenisch und Türkisch erscheinenden Agos schrieben Dink und seine Mitstreiter*innen gegen den Nationalismus und dessen notwendige Feindbilder an. Sie wollten die gesellschaftlichen Gruppen in der Türkei miteinander aussöhnen – behutsam in der Sprache, unbeirrt im Willen. Die Agos und Hrant Dink machten unterdrückte Stimmen auf bis dahin unbekannte Weise hörbar und scheuten dabei zahlreiche Tabus nicht. Wegen angeblicher „Beleidigung des Türkentums“ wurden die Zeitung und ihre Mitarbeiter*innen mit zahlreichen Prozessen überzogen.

 

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„Etwas furchtsam, ja, aber auch frei“

Hrant Dink war klar, in welcher Gefahr er aufgrund seiner Arbeit schwebte. Die Türkei verlassen wollte er dennoch nicht. In seinem berühmten letzten Artikel kurz vor seiner Ermordung schrieb er:

In ein europäisches Land zu ziehen, das wäre auch nicht meine Sache. Wenn ich drei Tage im Westen wäre, würde ich am vierten Tag schon heimkehren wollen, was soll ich also da? Wir gehören zu den Menschen, die aus der Hölle, in der sie leben, ein Himmelreich machen wollen. In der Türkei zu bleiben und dort zu leben, das geboten sowohl unsere eigenen Wünsche als auch der Respekt vor den Tausenden Menschen, die in der Türkei für Demokratie kämpfen, die uns unterstützt haben […] Aber trotz alledem beziehe ich meine einzige Zuversicht aus dieser Tatsache: Ja, ich mag mich unruhig fühlen wie eine Taube, aber ich weiß, dass in diesem Land kein Mensch einer Taube etwas zuleide tut. Mitten in der Stadt und in der Menschenmenge können die Tauben ihr Leben leben. Etwas furchtsam, ja, aber auch frei.“

Am 19. Januar 2007 wurde Dink auf offener Straße, wenige Meter entfernt von der Redaktion der Agos erschossen. Der 17-jährige Täter Ogün Samast wurde schnell festgenommen und vier Jahre später zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Doch die Drahtzieher und Hintermänner im Staatsapparat, die in Ermordung Dinks verwickelt waren – der sogenannte „tiefe Staat“ der Türkei – wurden bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen.

Personenschutz für Dündar, Panzer für Erdogan

In der Ausgabe vom 19. Januar versucht der aktuelle Chefredakteur der Agos, Yetvart Danzikayan, seinem verstorbenen Kollegen den derzeitigen Zustand der Türkei zu erklären. Aus seinen Worten spricht vor allem eine ungeheure Überwältigung ob der Schnelligkeit, mit der sich das Land in den letzten Jahren verändert hat: „Es gibt so viele Gerichtsverhandlungen, Massaker und Morde. Wir haben die letzten fünf Jahre mit angehaltenem Atem an uns vorbeirauschen sehen. Womit soll ich anfangen? Mit Ali Ismail? Mit Berkin Elvan? Mit dem Massaker in Suruç? Oder dem Massaker am 10. Oktober in Ankara?“

Leider ist zu befürchten, dass bis zum nächsten Jahrestag der Ermordung Hrant Dinks keine Besserung, kein Ende der Massaker und der Morde erfolgen wird. Jeden Tag werden in der Türkei Menschen aufgrund der absurdesten Vorwürfe festgenommen. Der türkische Staat führt einen Krieg gegen die kurdische Bevölkerung im Südosten des Landes und belegt mit der Invasion des Kantons Afrin in Rojava/Nordsyrien, dass mit ihm keine andere Form des Zusammenlebens in dieser kriegsgeplagten Region zu machen ist.

Insgesamt bleibt der absurde Widerspruch am diesjährigen (Ge)Denkabend wohl dieser: Während der deutsche Staat einem türkischen Journalisten in Berlin Personenschutz stellt, liefert er gleichzeitig Waffen und Panzer an jenes Land, aus dem dieser Journalist fliehen musste – und das sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit zahlreicher Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung schuldig macht.

 

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