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Eva Tepest ist Journalistin und freie Autorin mit Sitz in Berlin. Grafik: Tobias Pietsch Eva Tepest ist Journalistin und freie Autorin mit Sitz in Berlin. Grafik: Tobias Pietsch

Das Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel stellt kulturelle Artefakte zur Schau, die aus der WANA-Region stammen. Von der Debatte um Raubgut in deutschen Museen bleibt es jedoch meist unberührt. Eva Tepest ist auf Museumsbesuch.

Dieser Text ist Teil der Alsharq-Kolumne „Des:orientierungen“.
Alle Texte der Kolumne finden Sie hier.

 

Im Südflügel des Pergamonmuseums steht das Ischtar-Tor (eines der Stadttore von Babylon, heutiges Irak). Besonders die Mischung aus terrakotta-ockerfarbener Wandbemalung, angedeuteten Palastmauern und blauem Fliesenfinish erinnert dabei stark an den Imbiss, in den ich nach dem Museumsbesuch einkehre.

Laut Physiker*innen der Universität Oldenburg befinden sich die blau glasierten Ziegel in einem Zustand „dramatischen“ Verfalls – die Berliner Luft, ihre Abgase und Feuchtigkeitsschwankungen bekommen ihnen nicht. Die Mschatta-Fassade (eine umayyadische Palastmauer, heutiges Jordanien) ist ihrerseits über Eck und nur zum Teil präsentiert – ob sie in Zukunft mehr zur Geltung kommen wird, ist fraglich. Der namensgebende Pergamonaltar (2. Jahrhundert v. Chr., heutige Türkei)  ist hingegen aufgrund umfänglicher Renovierungsarbeiten im Rahmen des „Masterplans“ Museumsinsel unzugänglich – bis auf unbestimmte Zeit.

Eine kritische Dokumentation über die Herkunft der Monumentalobjekte fehlt. Ausgestellt sind allein wie Abenteuerberichte anmutende unkommentierte Grabungstagebücher und eine Karte. Moderner geriert sich das Museum für Islamische Kunst im zweiten Stock des Gebäudes, das alles zeigt, was seit der Hidschra (Auszug Mohammeds von Mekka nach Medina, 622 n.Chr.) in mehrheitsmuslimischen Territorien entstand. Von andalusischen Wandbetäfelungen über frühmoderne Teppiche bis zu Miniaturen, die das persische Epos Schahnahme illustrieren: Was kein religiöser Kultgegenstand ist, wird trotzdem islamisch gemacht.

Neben Touch-Displays findet sich hier ein transcultural exhibition trail, der suggeriert, dass Objekte nicht etwa gestohlen wurden, sondern transkulturell umherwandert, und gewissermaßen zufällig in Berlin landeten: Alles ist im transkulturellen Fluss.

Während in Großbritannien Aktivist*innen versuchen, mit ihren uncomfortable tours unter dem Motto „Display It Like You Stole It“ die koloniale Herkunftsgeschichte kultureller Artefakte sichtbar zu machen, läuft im Pergamon das Wohlfühlprogramm für orientverliebte Bürgerliche weiter: Loving carpets and tiles with exotic scripture on them since 1871.

Die Beschaffung der kulturellen Artefakte: Legal und rechtmäßig?

Das Pergamonmuseum – a. k. a. „Berlins beliebtestes Museum” – liegt, anders als das Humboldt-Forum, auf der Museumsinsel. Zeigt es doch, so Museumslogik, „Hochkultur“ und soll damit – anders als die vermeintlich primitiven Objekte der ethnologischen Sammlungen – in den geplanten geschlossenen Rundgang durch 6.000 Jahre europäische Kulturgeschichte integriert werden.

Von der Diskussion um Raubkunst in deutschen ethnologischen Sammlungen ist die Berliner Institution in weiten Teilen unberührt – dabei gibt es im Pergamon nichts, das ohne den Einsatz kolonialer Mittel nach Berlin gelangt ist. Das sehen offizielle Vertreter natürlich anders: Ganz legal und rechtmäßig seien etwa die Verträge zustande gekommen, auf Grundlage derer der Pergamonaltar ins Deutsche Reich abtransportiert wurde. Und sowieso gelte im Zweifelsfall das Gewohnheitsrecht.

 

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Da trifft es sich gut, dass das Osmanische Reich nie formell von Deutschland (oder irgendeiner anderen Großmacht) kolonialisiert wurde. Somit lässt sich das geschehene Unrecht besser legitimieren als etwa im Fall der 5.500 menschlichen Schädel und Gebeine aus deutschen Kolonien in Südostafrika, die die Stiftung Preußischer Kulturbesitz bis heute hortet.

Ausgespart wird dabei, dass die Osmanen spätestens ab dem Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend abhängig von ihren europäischen Gläubigern waren und unter der Schutzherrschaft europäischer Großmächte standen. Ein Machtungleichgewicht, das Transaktionen (20.000 Mark für die Rechte auf den Pergamonaltar) kaum in einem fairen Licht erscheinen lässt.[1]

Nur zum Wohle der Menschheit?

Damals sollen es humanistische Motive gewesen sein, die die reichsdeutschen Ausgräber um die Jahrhundertwende motivierten, fremde Kulturgüter auf Dutzenden Ochsenkarren aus der Wüste abzutransportieren und nach Berlin zu verschiffen. Der Mythos der „humanist curiosity“[2] ­– des vermeintlich neutralen humanistischen Wissensdrangs des Deutschen Reiches, das anders als Großbritannien und Frankreich im Orient nie in it for the kill war, wurde nicht zuletzt durch Edward Saids Hauptwerk Orientalismus gepflegt.

Dabei zeugen die im Pergamonmuseum gezeigten Monumentalobjekte klar von deutschen imperialen Interessen – und Affekten. Allein der Drang, sich Tonnen Steine, Skulpturen, und gebrannte Tontafeln aus dem Orient unter größtem finanziellen und zeitlichen Aufwand zueigen zu machen (anstelle sie etwa an Ort und Stelle zu bewundern), sollte stutzig machen – auch wenn Carl Humann, „Entdecker“ des Pergamonalters, angab, die Ruinen nur „vor den Steinräubern der modernen Stadt“[3] schützen zu wollen. Unterdessen frohlockte das Deutsche Reich kurz nach der Reichsgründung 1871 darüber, mit dem Pergamonaltar nun endlich ein Originalwerk zu besitzen, das es mit den Skulpturen des Britischen Museums aufnehmen könne.[4]

Humanistische Ideale sind es auch, die bis heute zur Rechtfertigung bemüht werden, um Artefakte aus der WANA-Region ausgerechnet auf der Museumsinsel im provinziellen Berlin auszustellen. So erklärte Kulturstaatsminister Bernd Neumann 2012 nach der wiederholten Rückgabeforderung Ägyptens, dass die Statue der Nofretete keiner Nation, sondern der gesamten Welt gehöre: „Prinzipiell sollten wir uns klar machen, dass Kunstwerke Teil eines universellen Welterbes der Menschheit sind, die – egal wo sie sich befinden – möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden sollten.”

Doch was bedeutet Zugänglichkeit, wenn die meisten Menschen auf dieser Welt europäischen Boden aufgrund von Migrationsregimen nie betreten werden dürfen – besonders dann, wenn sie aus den Herkunftsregionen der meisten Artefakte in den Sammlungen des Pergamons oder des Neuen Museums stammen? Und wenn, wie im Falle der drei Monumentalobjekte im Pergamonmuseum, aktuell keines der Artefakte angemessen zur Geltung kommt?

Deutschland hält am heiß geliebten Raubgut fest

Deutschland pflegt in Bezug auf sein heiß geliebtes Raubgut seinen Unwillen zur Aufarbeitung. Während Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bei einer Rede an der Universität von Ouagadougou Ende letzten Jahres forderte, „innerhalb der nächsten fünf Jahre die Voraussetzungen für zeitweilige oder endgültige Restitutionen des afrikanisches Erbes an Afrika” zu schaffen, ist das in Deutschland undenkbar. Das signalisierten auch Vertreter des Berliner Humboldt-Forums, das über etwa 75.000 koloniale oder aus Missionstätigkeit stammende afrikanische Objekte verfügt. Als Erwiderung auf Macrons Vorstoß wiegelte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, ab: man müsse sich wohl eher fragen, „ob Afrika nicht drängendere Probleme habe” als die Rückgabe von kulturellen Artefakten.

So sieht das offenbar auch das Pergamon. Auch wenn es die Sphinx von Hattuscha 2011 aus politischen Gründen an die Türkei zurück geben musste (türkische „Kraftmeierei“, zeterte Dieter Bartetzko in der FAZ), beansprucht es den Pergamonaltar, die Mschatta-Fassade oder das Ischtar-Tor weiterhin als zweifellos und rechtmäßig seins. Das Museum wäscht seine Hände in Unschuld – und profitiert davon, dass deutsche Politiker*innen es sich leisten können, den Irak, anders als die Türkei, zu ignorieren. Und wie es profitiert: Die Nofretete im Neuen Museum zieht ebenso wie das Ischtar-Tor im Pergamonmuseum Millionen Besucher jährlich an. Ohne diese Prestigeobjekte drohte der Museumsinsel, an sich bloß eine Anhäufung fantasieloser klassizistischer Bauten, der Verlust ihrer Weltkulturerbeauszeichnung.

Dabei wird eine Diskussion um die Provenienz kultureller Objekte aus der WANA-Region immer dringlicher. Vor dem Hintergrund der Kriege in Syrien und Irak wurden in den vergangenen Jahren Tausende antike und zeitgenössische Objekte aus der Region – mal mehr, mal weniger legal – nach Euro-Amerika überführt. Die Prämissen der Schutzwürdigkeit werden dabei oft nicht diskutiert. Das zeigt etwa der jüngste, kontroverse Fall der New-York-Times-Reporterin, die zehntausende Dokumente aus den Archiven des sogenannten Islamischen Staates in die Staaten „rettete“.

 

Die Kolumnistin: Eva Tepest hat Arabistik und Middle Eastern Studies in Leipzig, Lund und Kairo studiert. Ihre Masterarbeit schrieb sie über die Darstellung islamischer Kunst in Museen am Beispiel des Museum of Islamic Art in Doha, Katar. Sie ist freie Autorin mit Sitz in Berlin.

 

Referenzen:

[1] Diese Art von zwar nicht in einem formalen Sinne kolonialen, aber dennoch gewaltförmigen Praktiken wird durch das Konzept „Semikolonialismus” gefasst. S. für semikoloniale Praktiken des Deutschen Reiches im späten Osmanischen Reich Fuhrmann, Malte. Der Traum vom deutschen Orient: zwei deutsche Kolonien im Osmanischen Reich 1851-1918. Frankfurt: Campus Verlag, 2006; Christensen, Peter Hewitt. Architecture, Expertise and the German Construction of the Ottoman Railway Network, 1868-1919. Dissertation, 2014.

[2] Shamel, Shafiq, Goethe and Hafiz. Poetry and History in the West-östlicher Divan. Bern: Peter Lang Publishers, 2013, S. 135.

[3] Alexander Conze, zitiert nach Kunze, Max und Volker Kästner: Antikensammlung II: Der Altar von Pergamon. Berlin: Henschelverlag, S. 30.

[4] Der preußische Kulturminister in einem Brief an König Wilhelm II., zitiert nach Kunze, Kästner: Antikensammlung II, S. 30.

 

 

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