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Film still aus „True Warriors“. Mohamed Qais Hafeti verkaufte dem Attentäter eine Eintrittskarte. Bild: True Warriors. Film still aus „True Warriors“. Mohamed Qais Hafeti verkaufte dem Attentäter eine Eintrittskarte. Bild: True Warriors.

Die Dokumentation „True Warriors“ tourt gerade durch Deutschland. Darin begleiten Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck die Überlebenden eines Anschlags der Taliban. Mohamed Qais Hafeti ist einer von ihnen. Heute lebt er in Flensburg.  Von Anna-Theresa Bachmann

Die Sitzplätze des Saals füllen sich. 300 Eintrittskarten verkauft Mohamed Qais Hafeti für das Theaterstück, darunter an einen 17-Jährigen in traditioneller Kleidung. „Ich bin froh, dass auch Leute vom Dorf hier sind,“ denkt der heute 26-jährige Hafeti beim Anblick des Jungen. Das Stück im Französischen Kulturzentrum Kabuls handelt von einem Selbstmordattentat. Doch wenige Minuten später wird das Theater selbst zum Anschlagsort: Der 17-jährige Junge sprengt sich in die Luft, außer ihm sterben noch zwei Personen. 40 weitere Menschen werden verletzt.

Der Tagesschau ist der Terrorakt im Dezember 2014 nur eine Randmeldung wert. Was aber macht ein Anschlag mit den Überlebenden? Die Filmemacher*innen Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck suchen in ihrer Dokumentation „True Warriors” nach Antworten.

 

 

In 94 Minuten erzählt „True Warriors“ schonungslos und einfühlsam zugleich, wie Zuschauer*innen, Kulturschaffende und Schauspieler*innen das Attentat selbst, aber auch die Zeit danach (üb)erleben. Augenzeugenberichte und Erzählungen wechseln sich dabei mit Livemitschnitten vom Anschlag ab. Sie lassen das Ausmaß des Attentats erahnen, ohne dabei ins Voyeuristische abzudriften.

Die Arbeit als Pressesprecher wird Hafeti zum Verhängnis

„Wenn Kabul je sicher wäre, dann wäre es der schönste Ort der Welt“, sagt eine junge Frau zu Beginn. Man glaubt es ihr aufs Wort: Malerische Aufnahmen zeigen Kinder, die auf Schaukeln spielen, und die Silhouette der Berge bei Sonnenuntergang. „Fast jeden Tag gibt es einen Anschlag. Aber natürlich gibt es trotzdem Alltag,“ sagt Qais Hafeti. „Wenn man in einem Kriegsgebiet lebt, ist die Realität eine andere. Man sperrt sich nicht zu Hause ein, trotz aller Gefahr.“

 


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Trotzdem kommt ihm der Terror der Taliban kurz nach dem Anschlag zu nah: Während sich einige der Schauspieler*innen dazu entschließen, weiter zu machen, reist Hafeti nach Frankreich, um Abstand zu gewinnen. Auf dem Rückweg erhält er einen Anruf von seinem Vater: Die Taliban hätten der Familie einen Brief geschickt, in dem sie drohen, Hafeti umzubringen. Seine vierjährige Arbeit als Pressesprecher im Französischen Kulturzentrum mache ihn zum Verräter. Hafeti beantragt daraufhin Asyl in Deutschland. Heute studiert er European Cultures and Societies an der Universität Flensburg und arbeitet bei der Arbeiterwohlfahrt in der Flüchtlingshilfe.

Abschiebung nach Afghanistan? „Eine politische Entscheidung“

Seit dem Spätherbst 2017 tourt „True Warriors“ durch Deutschland. Hafeti beteiligt sich manchmal an den Diskussionsrunden im Anschluss. Dabei immer wieder Thema: Abschiebungen der Bundesregierung nach Afghanistan. „Das ist eine politische Entscheidung“, sagt Hafeti. Sie stehe im Widerspruch zur Sicherheitslage im Land.

Neben den Taliban leidet die Bevölkerung vermehrt unter dem Terror des selbst ernannten Islamischen Staates. Seine Anhängerschaft scheint sich zunehmend aus Syrien und dem Irak nach Afghanistan zurückzuziehen und ist in Kabul für die jüngsten Anschläge auf die schiitische Gemeinde verantwortlich.

Das aktuelle Mandat der deutschen Bundeswehr in Afghanistan läuft Ende des Monats aus. Das Bundeskabinett hatte einer Verlängerung Anfang März bereits zugestimmt. Auch soll die Truppengröße erhöht werden. Der Bundestag muss dem noch zustimmen. Für Hafeti ist es deswegen wichtig, „True Warriors“ gerade jetzt in Deutschland zu zeigen: „Der Film erzählt vom Kampf des Menschen gegen Ungerechtigkeit.“ Dieser Kampf sei universal und müsse immer wieder von Neuem bestritten werden.

Für die Uraufführung bekamen die Künstler*innen keine Visa

Dahingehend kann auch das letzte Stück der Theatergruppe vom Anschlag im Französischen Kulturzentrum Kabuls verstanden werden: Zusammen mit französischen, deutschen und israelischen Schauspieler*innen reiste die Gruppe erst kürzlich durch Deutschland. Ihr gemeinsames Stück „Malalei – Die afghanische Jungfrau von Orléans“ handelt von nationalistischer Vereinnahmung und Fundamentalismus. Eigentlich hätte es bereits 2016 in Weimar uraufgeführt werden sollen. Die deutsche Botschaft erteilte den afghanischen Künstler*innen aber keine Visa.

„In Afghanistan kann die Gruppe nicht mehr auftreten,“ sagt Qais Hafeti. Er hatte sie während ihres Aufenthaltes in Deutschland getroffen. „True Warriors“ tourt indes weiter durch die deutschen Kinosäle und veranschaulicht die Geschichte der Überlebenden des Anschlages auf berührende Weise.

Die Stärke der Dokumentation liegt darin, dass sie in den Mittelpunkt rückt, was in Medienberichterstattungen und Asyldebatten häufig zu kurz kommt: die Menschlichkeit.

 

Die nächsten Aufführungen von „True Warriors“ finden in den folgenden Städten statt. Mehr Informationen dazu gibt es auf der Website des Films.

23.03. 2018 Zell an der Mosel

28.03.2018 Tübingen / Arsenal

29.03.2018 Passau/ Cineplex

 

 

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