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Bei einer Demonstration in Haifa am 18. Mai kommt es zu Zusammenstößen mit der Militärpolizeit. "Die Stimmung ist aufgezeizt", schreibt Margret Bitter. Die sonst eher ruhige Stadt Haifa politisiere sich. Foto: Nadine Nashef / https://www.facebook.com/nadinenashef/posts/2074374522818905. Bei einer Demonstration in Haifa am 18. Mai kommt es zu Zusammenstößen mit der Militärpolizeit. "Die Stimmung ist aufgezeizt", schreibt Margret Bitter. Die sonst eher ruhige Stadt Haifa politisiere sich. Foto: Nadine Nashef / https://www.facebook.com/nadinenashef/posts/2074374522818905.

Am Freitag, dem 18. Mai kommt es während einer Demonstration gegen die Blockade des Gaza-Streifens in der sonst ruhigen Hafenstadt Haifa zu Ausschreitungen. 21 Aktivisten werden festgenommen. Warum sind die Menschen auf die Straße gegangen? Warum ist die Stimmung eskaliert? Was bedeuten diese Ausschreitungen für die Zukunft der Stadt? Von Margret Bitter

Es sind Szenen, wie man sie sonst nur aus Jerusalem oder den palästinensischen Gebieten kennt. Grau uniformierte Militärpolizei versucht eine Gruppe von Demonstranten auseinander zu treiben. Es werden Palästinaflaggen geschwenkt. Pfiffe und Schreie sind zu hören. Plötzlich eine Bewegung nach vorne, Menschen gehen zu Boden, Schlagstöcke werden gezückt. Im Hintergrund flimmert in schwarzen Buchstaben die Leuchtreklame des angesagten Lokals „Lahza“ – Arabisch für „einen Moment, bitte“.

Es ist nicht die erste Demonstration in diesen Tagen. Die Stimmung ist aufgeheizt: Die Verlegung der amerikanischen Botschaft nach Jerusalem. Die Erinnerung an die Nakba, die „Katastrophe der Vertreibung von etwa 700.000 Palästinensern vor 70 Jahren. Die Abriegelung des Gaza-Streifens, die vor 10 Jahren begann. Gründe, die die Menschen auch in der sonst sehr beschaulichen, arbeitsamen Hafenstadt Haifa auf die Straße treiben.

Noch am Donnerstagabend hatten sich rund 200 Menschen im arabisch geprägten Teil der Stadt, der deutschen Kolonie, versammelt, um an die Nakba zu erinnern. Die Behörden hatten diese Demonstration genehmigt. Sie fand unter den Augen der lokalen Polizei statt. Gewalt ging einzig von einer Handvoll rechter, ultra-nationaler Gegendemonstranten aus, die versuchten, Flaschen auf ihre Kontrahenten zu werfen. Es wird eine Stunde demonstriert, anschließend sitzt man zusammen und diskutiert. Keine weiteren Vorkommnisse.

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Doch am Freitagabend, 18. Mai, wendet sich das Blatt: Es ist die erste Demonstration im neuen Ausgehviertel Haifas – nicht angemeldet, spontan organisiert. Der Versammlungsort wird erst zwei Stunden vor Beginn bekannt gegeben. Die Menschen kommen auf dem türkischen Markt zusammen, in dessen Belebung die Stadt Haifa und ihr bald erneut zur Wahl stehender Bürgermeister Yona Yahav viel Geld investieren. Ein Ort, an dem sonst Konzerte stattfinden und dessen zahlreiche Pubs und Kneipen sowohl Einheimische als auch Touristen anlocken.

Zu der Veranstaltung aufgerufen hat die Gruppe Hirak Haifa („die Haifa Bewegung“) – eine Gruppe, die sich parteiunabhängig gibt und über die sozialen Netzwerke agiert. 3.000 Menschen folgen der Gruppe inzwischen auf Facebook. Es ist eine junge Gemeinschaft über Parteigrenzen hinweg, die sich nach eigenen Angaben dem „Kampf um Palästina“ verschrieben hat. Ihre Ziele, ihre politische Agenda? Darüber ist wenig bekannt. Texte werden auf Arabisch und Englisch veröffentlicht. Eine Großzahl der Follower stammt aus der gut situierten arabischen Mittelschicht. Viele haben am renommierten Technion oder an der Universität Haifa studiert. Sie arbeiten in der High-Tech-Industrie, in Krankenhäusern oder in Anwaltskanzleien. Eine Gruppe, die von außen betrachtet gut integriert und sozial abgesichert scheint.

Die Menschen in Haifa haben Gaza nicht vergessen

Warum gehen diese Menschen hier im Norden des Landes auf die Straße? Im Gespräch wird deutlich: In der dritten Generation identifizieren sich die Palästinenser, die in Israel leben, wieder stärker mit Palästina. Das politisch rechte Klima im Land spaltet die Gesellschaft. Trotz oft guter Ausbildung und gutem sozioökonomischen Standard – verglichen mit den Palästinensern in Gaza oder der Westbank – steigt auch bei der arabischen Minderheit in Israel die Frustration. Hirak Haifa will deutlich machen: Wir haben unsere Schwestern und Brüder in Gaza nicht vergessen. Wir sind eine Einheit.

Gaza hat wieder einmal eine schlimme Woche hinter sich: laut den Vereinten Nationen sind über 80 Menschen bei Demonstrationen für ihr Rückkehrrecht ums Leben gekommen. Hinzu kommen über 2.700 Verletzte, getroffen durch Kugeln, die Knochen pulverisieren und die Menschen zu Krüppeln machen. Die schlechte medizinische Versorgung in Gaza garantiert, dass sich keiner so schnell erholt. 10 Jahre ist der Gaza-Streifen nun abgeriegelt. Kaum etwas gelangt hinein, noch weniger hinaus. Ein Leben am Existenzminium, ohne Hoffnung, ohne Träume und mit Hamas als einziger Alternative. Über die sozialen Medien verbreiten sich die Bilder der Verzweiflung wie ein Lauffeuer. Politische Aktivisten im ganzen Land kündigen Demonstrationen gegen das israelische Vorgehen gegen die Demonstranten an. In Haifa übernimmt Hirak Haifa die Organisation.

21 Festnahmen und weitere Proteste

Die Nacht des 18. Mai endet in der israelischen Hafenstadt dramatisch. 21 Menschen werden festgenommen, darunter der Leiter des Mossawa Centers, Jafar Farah. Mossawa („Gleichberechtigung“) setzt sich seit über 20 Jahren für die Rechte der arabischen Minderheit in Israel ein. Farah gilt als besonnen. Als ein Polizist seinen Sohn mit einem Schlagstock angreift, stellt er sich dazwischen. Er wiedersetzt sich nicht gegen seine Festnahme, sondern lässt sich ohne Widerstand abführen. Später macht die Nachricht die Runde, dass Farah verletzt ist. Sein Knie ist zertrümmert. Wie es dazu kam, darüber schweigt die Polizei.

Drei Tage lang werden die 21 Demonstranten festgehalten. Die Begründung: Teilnahme an einer verbotenen Versammlung und ungehorsames Verhalten im öffentlichen Raum, das den öffentlichen Frieden gefährde.

Unterstützer von Hirak Haifa warten vor dem Gerichtsgebäude in Haifa auf die Freilassung der inhaftierten Demonstranten. Foto: Hirak Haifa.

Unterstützer von Hirak Haifa warten vor dem Gerichtsgebäude auf die Freilassung der inhaftierten Demonstranten. Foto: Hirak Haifa.

 

Während die kommunistische Partei Hadash, angeführt von den Knessetabgeordneten Aida Touma-Sliman und Ayman Odeh, am darauffolgenden Montag, 21. Mai, eine Demonstration zur Freilassung der Inhaftierten in der deutschen Kolonie organisiert, zieht es die Unterstützer von Hirak Haifa vor das Gerichtsgebäude. Was halten die Aktivisten von Aida und Ayman? Nicht sehr viel. Ihr Politikansatz gilt in der Gemeinschaft als obsolet. Indirekt, so sagt man in der Bewegung, unterstützten die beiden ein Regime, das wegschaut und das Leiden in Gaza ausblendet.

Dutzende Aktivisten harren vor dem Gerichtsgebäude aus. Die Entscheidung der Richter wird immer wieder verschoben. Um 5.30 Uhr kommen die ersten zwölf Festgehaltenen frei, nachmittags um 14 Uhr dann die übrigen sieben – empfangen von Applaus.

Es hat sich etwas verändert in der Stadt. Haifa – die Stimme der Vernunft im Norden, die Stadt der Co-Existenz. Dieses so viel zitierte Bild hat einen Kratzer bekommen. Die Fassade bröckelt, die Stadt politisiert sich. Aus Sicht von Hirak Haifa ein Momentum, dass es zu nutzen gilt.

 

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