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Liebt den großen Auftritt: Netanyahu vor dem US-Kongress Foto: Wikicommons/Public Domain Liebt den großen Auftritt: Netanjahu vor dem US-Kongress Foto: Wikicommons/Public Domain

Gaza, Iran, Syrien und nicht zuletzt schwerwiegende Korruptionsvorwürfe – Benjamin Netanjahu scheint all das nicht allzu sehr zu bedrücken. Woher rührt die Weltsicht des langjährigen israelischen Ministerpräsidenten? Der bekannte Journalist Anshel Pfeffer wirft in einer neuen Biographie Licht auf diese und andere Fragen. Von Charlotte Wiemann

Dies ist der zweite Beitrag unserer neuen Alsharq-Reihe Re:zension.
Seit Mai stellen wir am 1. des Monats ein neu erschienenes Buch vor, das wir für besprechenswert halten.
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Noch in der Einleitung von „Bibi. The Turbulent Life and Times of Benjamin Netanyahu“ macht Anshel Pfeffer deutlich: Seine Biographie soll über eine Darstellung der Lebensgeschichte Netanjahus hinausgehen. Es sei unmöglich, Israel zu verstehen, ohne sich mit dem Mann zu beschäftigen, der es regiere – und das bald länger als jeder andere israelische Regierungschef, inklusive Staatsgründer Ben Gurion. Trotz zahlreicher Rivalen auf allen Seiten des politischen Spektrums und Ermittlungen gegen ihn und seine Familie sei nicht absehbar, dass Netanjahu die politische Bühne des Landes in nächster Zeit verlassen wird. Viele Israelis könnten sich, unabhängig von ihren politischen Vorstellungen, derzeit schlicht keinen anderen Staatschef als Netanjahu vorstellen. Mit seinem Buch will Pfeffer zeigen, wie es so weit kommen konnte. Auf knapp vierhundert Seiten dokumentiert der langjährige Journalist der israelischen Tageszeitung Haaretz und Kolumnist des britischen Wochenmagazins Economist Leben, Wirken und Weltsicht des israelischen Premierministers.

Entsprechend zeichnet Pfeffer nicht bloß die Lebensgeschichte Netanjahus nach, sondern verknüpft sie mit den großen gesellschaftlichen Konfliktlinien Israels. Beginnend bei Netanjahus Großvater Rabbi Nathan Mileiowski, der 1920 von Polen nach Palästina immigrierte, stellt Pfeffer dar, wie die Familie sich trotz ihrer aschkenasischen Herkunft nie als Teil der neu entstehenden israelischen Elite wähnte. Vater Benzion Netanjahu, der als überzeugter Anhänger des revisionistischen Zionismus weder den sozialistischen Gründer*innen Israels, noch den von ihnen geschaffenen Institutionen vertraute, zog es vor, in den USA zu lehren und zu leben. Schon in ihrer Jugend hätten der ein Jahr nach Staatsgründung geborene Benjamin Netanjahu und sein Bruder Jonathan das Gefühl gehabt, nicht dazuzugehören: Der stetige Wohnortwechsel der Eltern zwischen den USA und Israel habe sie sich in Israel als Fremde fühlen lassen, während ihre Begeisterung für die israelische Armee und der Wunsch nach einer militärischen Karriere ihrem Vater aufgestoßen seien, der sich seine Söhne eher als intellektuelle Theoretiker denn als Kriegshelden gewünscht habe.

Den Konflikt der Familie zwischen bedingungsloser Hingabe an Israel und dem gleichzeitigen Gefühl, als Rechte und Anhänger des revisionistischen Zionisten Zeev Jabotinskys keinen Platz in der linken, israelischen Gesellschaft zu haben, charakterisiert Pfeffer als prägend für Netanjahus Verhältnis zur israelischen Elite, der er doch inzwischen selbst angehört.

 


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Auch sonst stehen Ambivalenzen im Mittelpunkt von Pfeffers Darstellung: Beginnend bei Netanjahus Zeit als Assistent der israelischen Botschaft in Washington bis hin zu seinem Wirken als israelischer Politiker beschreibt der Haaretz-Journalist das zwiespältige Verhältnis Netanjahus zu Medien und Öffentlichkeit. Geschult als Gestaltenwandler, der schon zu Schulzeiten und je nach (Landes-)Umfeld zwischen den Kosenamen „Bibi“ und „Ben“ wechselte und sich später zum Darling der amerikanischen Israel-Berichterstattung hocharbeitete, sei kaum jemand im israelischen Politbetrieb je so geübt darin gewesen, die öffentliche Darstellung über seine Person selbst zu beeinflussen wie Netanjahu, der der Öffentlichkeitsarbeit (hasbara) höchste Wichtigkeit zumesse. Gleichzeitig sei Netanjahu wie kein Zweiter überzeugt davon, dass die öffentliche Darstellung seiner Person von Vorurteilen und Missgunst geprägt sei – neuerdings verwende er hier auch gerne die Bezeichnung „Fake News“.

Flexibel bei politischen Positionen

Flexibilität kennzeichne auch Netanjahus politische Prinzipien, die einerseits zwar strikt vom pessimistisch-revisionistischen Geschichtsbild seines Vaters geprägt, andererseits aber außerordentlich dehnbar seien: So sei Netanjahu überzeugt davon, dass Israel ein Bollwerk des Westens gegen Terror und radikalen Islam darstelle und ein unabhängiger palästinensischer Staat Israels Todesurteil bedeute. Gleichzeitig hätten diese Überzeugungen, wie Pfeffer anschaulich schildert, den israelischen Staatschef nicht daran gehindert, mit seinen Feinden zu verhandeln, wenn dies machtpolitisches Kapital versprach. Beispielhaft hierfür stünden etwa das sogenannte Wye-Abkommens Ende der 1990er Jahre, bei dem Netanjahu dem Abzug israelischer Streitkräfte aus Teilen der während des Sechstagekrieges besetzten Gebiete zustimmte, oder der zehnmonatige Siedlungsbaustopp, den der Premierminister als Zugeständnis an den frisch gewählten U.S.-Präsidenten Barack Obama im Jahr 2009 durchs Kabinett drückte.

Netanjahus zwiespältiges Verhältnis zur Siedlerbewegung und seine Zurückhaltung gegenüber Militäreinsätzen schildert Pfeffer als weitere Ausdrücke seiner Ambivalenz. Bei allen Unsicherheiten seien ein unbändiges Machtstreben und die Überzeugung, Israel besser als jede*r andere regieren zu können, im Grunde die einzige Konstante in Netanjahus Handeln, so das Fazit des Biographen.

Pfeffers Darstellung lässt vom Tod des Bruders „Yoni“ (sowie dessen anschließender Stilisierung zum Nationalhelden Israels), einem Sexskandal, Freundschaften und Fehden mit anderen israelischen Politiker*innen bis hin zum Verhältnis zum neuen U.S.-Präsidenten Donald Trump keine größere historische Entwicklung im Leben des Premierministers aus. Das Werk ist detail- und umfangreich und bezieht dank umfangreicher Quellensichtung eine Vielzahl von Perspektiven auf den israelischen Regierungschef mit ein. Leider muss es ohne Aussagen von Netanjahu selbst auskommen, der schon im Vorfeld verkünden ließ, das Buch enthalte ohnehin nur Lügen.

Ein informativer und differenzierter Überblick

Dabei bleibt der auf der anderen Seite des politischen Spektrums stehende Pfeffer stets differenziert. Der häufig fallende Vorwurf, Netanjahu trage als Oppositionsführer Anfang der 1990er Jahre maßgebliche Mitverantwortung für die Ermordung Jitzchak Rabins, greife zu kurz, urteilt Pfeffer. Ebenso hütet er sich davor, Netanjahu aufgrund der derzeitigen Korruptionsermittlungen als schlichten Bösewicht darzustellen. Vielmehr zeigt sein Buch auf, dass Korruption in Israels politischer Klasse ein Problem ist, das über Individuen und Parteigrenzen hinausgeht.

Die einzige Person, die in Pfeffers Buch uneingeschränkt negativ dargestellt wird, ist Netanjahus dritte Ehefrau Sara, der der Autor recht unverhohlen vorwirft, geldgierig und kontrollsüchtig zu sein. Die voreingenommene Bewertung dürfte auch auf den andauernden Konflikt der First Lady mit den Medienmacher*innen im Land zurückzuführen sein.

Pfeffer wird seinem Anspruch, die Geschichte Netanjahus mit den politischen Entwicklungen Israels seit seiner Gründung zu verknüpfen, gerecht: Als Leser*in bekommt man neben der Lebensgeschichte Netanjahus einen guten Überblick über Tiefpunkte im Konflikt mit den Palästinenser*innen, die Kriege und Konflikte mit Israels Nachbarstaaten und sogar über Israels politisches (Parteien-)System. Bahnbrechende Enthüllungen lässt das Buch zwar vermissen: Kenner*innen der „Akte Netanjahu“ wird es keine überraschenden Erkenntnisse über Haltungen, Konflikte und Schlüsselmomente im Leben des israelischen Premiers bieten. Weder die These des elitenfeindlichen Netanjahus noch die des politischen Wendehalses sind neu.

Doch allen, die sich bisher kaum mit Netanjahu beschäftigt haben und bei jeder vermeintlichen Kehrtwende oder Provokation des israelischen Regierungschefs nur den Kopf vor lauter Unverständnis schütteln konnten, bringt es dessen Weltsicht durchaus näher.

Hoffnung auf eine Lösung des Konflikts mit den Palästinenser*innen unter der Herrschaft von „König Bibi“ macht die Biographie freilich nicht: Letztlich, so Pfeffer, sei Netanjahu ein Autokrat ohne demokratische Prinzipien, der die israelische Gesellschaft spalte und den Palästinenser*innen nie eine gleichberechtige Verhandlungsposition zugestehen werde. Das Fazit des Biographen ist also düster. Spannend zu lesen ist sein Buch dennoch.

Pfeffer, Anshel (2018): “Bibi. The Turbulent Life and Times of Benjamin Netanyahu.” New York: Basic Books, ca. 24€.

 

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