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Als Sänger bei Demonstrationen gegen das Regime wurde Abode berühmt, die Videos viele tausend Male gesehen. Inzwischen lebt er im Ruhrgebiet. Foto: Screenshot Youtube-Video Als Sänger bei Demonstrationen gegen das Regime wurde Abode berühmt, die Videos viele tausend Male gesehen. Inzwischen lebt er im Ruhrgebiet. Foto: Screenshot Youtube-Video

Fast drei Jahre lang war er als Vorsänger und Trommler auf Protesten gegen das Assad-Regime in seiner Heimatstadt Aleppo aktiv. Heute lebt Abode mitten im Ruhrpott und erzählt von seiner Kindheit im Krieg, seinem Glauben an den friedlichen Widerstand und davon, warum seine Lieder ganz anders klangen als die von Gangster-Rapper Capital Bra. Von Clara Wenz.

Wir haben uns vor dem Rathaus verabredet. Hier in Marl, mitten im Ruhrgebiet, wo grau-schwarze, moosbefallene Betonblöcke das Stadtbild prägen. Plastiktüten haben sich in Bäumen verfangen, ein verrostetes Schild zeigt Richtung Theater, daneben ein leerer Brunnen, an dessen Wasserlauf nur noch seine abgeblätterte hellblaue Farbe erinnert – es ist schwer, sich vorstellen, hier einer Ikone der syrischen Widerstandsbewegung zu begegnen. Oder vielleicht doch nicht?

Mitten auf dem Platz steht ein riesiger Revolver: Der Lauf ist zugeknotet, die Mündung zeigt in den Himmel. „Non-Violence“ lautet der Titel, welchen der schwedische Künstler Carl Fredrik Reuterswärd seiner Statue gab, die er nach dem Mord an dem Beatles-Sänger und Friedensaktivisten John Lennon anfertigte. Schräg gegenüber erinnert eine Bronzestatue an den Pfarrer und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer, der von den Nazis hingerichtet wurde, weil er, wie es auf der Tafel heißt, „dem Rad der Tyrannei in die Speichen griff.“ Eines seiner letzten, aus dem Gefängnis geschriebenen Gedichte, „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, ist als Gesangbuchlied in die deutsche Erinnerungskultur eingegangen.

Ein Teenager, in Jeans, Trainingsjacke und Sneakers gekleidet kommt mir entgegen.  „Hallo. Marhaba.“ Wir einigen uns darauf, Arabisch zu reden. Nicht, weil Abode kein Deutsch spricht, sondern weil sich manches einfacher besser in der Muttersprache erklären lässt.

Bisher kannte ich Abode nur aus dem Internet oder aus dem Fernsehen. Er ist eines der „Kinder von Aleppo“, deren Alltag in der kriegsgeschundenen Stadt der Regisseur Marcel Mettelsiefen dokumentiert hat. Wenn man Abodes Namen auf Arabisch bei Youtube eingibt, erscheinen unzählige Videos mit immer wieder den gleichen Szenen: Er, als Elfjähriger, mit einer riesigen, in den Farben der syrischen Revolution bemalten Trommel um den Bauch oder auf der Tragefläche eines Kleinlasters stehend, Arm in Arm mit seinem älteren Bruder Abu Maryam, umrahmt von Lautsprechern und mit dem Mikrophon in der Hand. Vor ihm Massen von Menschen, die Fahnen schwenken, tanzen und in seinen Gesang einstimmen: Gegen Unterdrückung, gegen Ungerechtigkeit, für Freiheit und für ein Leben in Würde. Dahinter ein riesiges gelbes Banner: „Das Viertel Bustan al-Qasr wartet auf deinen Abgang“ – Worte, die an Bashar al-Assad gerichtet waren.

 

 

Der Junge, der singt

Bustan al-Qasr, das war bis vor drei Jahren die Heimat von Abode. Das in Ost-Aleppo gelegene Viertel galt lange als eine Hochburg des zivilen und bewaffneten Widerstands gegen das syrische Regime und wurde zu einem der Hauptkriegsschauplätze in Syrien. Hier fanden regelmäßig Demonstrationen statt, hier organisierten sich Bewohner in lokalen Koordinationskomitees, hier befand sich der von Heckenschützen beschossene Übergang zum westlichen, von Assad kontrollierten Teil der Stadt, hier hissten unterschiedliche islamistische Gruppierungen, zwischenzeitlich auch der Islamische Staat (IS), ihre Fahnen.

Fast die ganze Zeit hinweg ging Abode auf die Straßen, um bei Protestveranstaltungen zu singen. 2015, ein Jahr bevor das syrische Regime Ost-Aleppo einnahm, floh er mit einem seiner Brüder nach Deutschland. Mittlerweile ist der Wiederaufbau seines Viertels, das die Luftangriffe des syrischen und russischen Militärs fast vollständig in Schutt und Asche gelegt haben, im Gange.

Abode in Marl. Foto: Clara Wenz

Abode in Marl. Foto: Clara Wenz

 

Abode ist das jüngste von insgesamt acht Kindern. Die meisten seiner Geschwister sind in Syrien geblieben, auch seine Eltern. Nach der Einnahme Ost-Aleppos durch das syrische Militär im Dezember 2016 wurden sie mit Bussen nach Idlib abtransportiert, in das mittlerweile letzte noch von der bewaffneten Opposition kontrollierte Gebiet im Nordosten des Landes. Dorthin sind nach den jüngsten Militäroffensiven des Regimes nun auch Teile der Bevölkerung Ost-Ghoutas und Yarmouks geflohen.

Draußen vor dem Einkaufszentrum „Marler Stern“ setzen wir uns auf eine Steinbank. In Marl, so Abode, habe es ihm am Anfang nicht so recht gefallen. In Brandenburg, wo er die ersten zwei Jahre gelebt hatte, habe er schließlich eine Freundin gehabt. Nach Marl sei er eigentlich nur wegen seines Bruders und seiner Schwester gezogen. Mittlerweile habe er sich aber eingewöhnt. Seit Kurzem wohnt er auch nicht mehr im Heim, sondern bei seinem Bruder. Der ist Rechtsanwalt und hofft, auch hier bald seinen Beruf ausüben zu dürfen. Und seine Schwester?  Die macht gerade eine Ausbildung zur Verkäuferin. Er selbst geht jetzt in die neunte Klasse.

Vor uns liegt ein riesiger Platz, gesäumt von Metallsäulen, die kahl in den Himmel ragen. Am Rand trinkt eine Gruppe Dosenbier, in der Mitte spielen Abodes Freunde in der Nachmittagssonne Fußball. Die meisten kommen aus Syrien: „Der da ist aus Raqqa, der aus Deir az-Zoor, der aus Aleppo… Wir verbringen fast den ganzen Tag miteinander, wir laufen zusammen rum, am Wochenende fahren wir mit dem Bus in die Shisha-Bar.“ Zwei Mädchen kommen auf uns zu und bitten Abode, mal kurz mitzukommen. Es wird getuschelt, geflüstert und gekichert. Abode kommt grinsend zurück – „die wollten eine rauchen“ – und zündet sich selbst eine Zigarette an.

Er erzählt, wie er in Aleppo irgendwann nur noch Freunde hatte, die viel älter waren als er, alles Erwachsene. „Die haben mich geliebt. Die meinten immer: ‘Wo ist dieser Junge, der singt? Den mögen wir!‘“ Wann er das erste Mal gesungen habe? Das weiß er nicht mehr, in Syrien hat man nicht so oft nach dem Datum gefragt, erklärt er lachend: „Wir haben nie gefragt, was für ein Tag es war, das war uns nicht so wichtig.“ Warum er damals zu den Protesten ging, daran erinnert er sich Abode allerdings noch genau: „Bei uns in den Straßen konntest du Gott verfluchen, aber nicht Bashar al-Assad. Wenn du den verfluchst hast, bis du gestorben.“

„Yallah Irhal ya Bashar“ – „Los, hau ab, Bashar!“

Am Anfang habe er sich heimlich rausgeschlichen, sei aus Angst aber schnell wieder nach Hause gerannt. Er war ja noch sehr jung. Als dann eine Demonstration direkt vor seinem Haus stattfand und es niemanden gab, der dort sang, flehte er einen seiner älteren Brüder an, einen Imam, ihn gehen und singen lassen. Er würde sich vermummen, keiner werde ihn erkennen. Der Bruder wollte es ihm nicht erlauben, genauso wenig sein Vater. „Er meinte, das Regime würde uns einfach umbringen, wer seien wir denn schon für die? Er hatte am Anfang sehr große Angst um uns. Aber danach wurde er ein größerer Revolutionär als ich.“ Abode lacht.

Überhaupt lacht er viel, wenn er von der Zeit der Proteste spricht und sich erinnert. Daran, wie irgendwann der Bruder seinem Drängen nachgab. Wie er dann hochstieg, zu seinem anderen Bruder Abu Maryam, der von Anbeginn bei den Protesten dabei gewesen war. Wie er, der kleine Junge, das Mikrophon in die Hand nahm und zu singen begann. Das erste Mal war es „Yallah Irhal ya Bashar“ – „Los, hau ab, Bashar!“ Und wie die anderen Demonstranten ihm dann zuriefen „Gott behüte dich“ und ihn schließlich den „Qaschousch von Bustan al-Qasr“ nannten. Ibrahim Qaschousch war ein Sänger, der im Sommer 2011 tot aufgefunden wurde – die Kehle durchgeschnitten und die Stimmbänder entfernt – und seitdem eine der Symbolfiguren der Widerstandsbewegung ist. Auch Abode brachte sich in Gefahr. In welcher Gasse genau sie demonstrieren würden, das musste immer ein Geheimnis bleiben: „Das war wirklich wichtig. Wegen der Bomben.“

 


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Ob diese Erinnerungen denn wirklich schön seien, will ich wissen. „Ja, sehr. Wie soll ich es sagen, sie sind beides. Sie sind hässlich, wenn eine Bombe oder Rakete einschlägt oder einer stirbt, den wir kannten. Der plötzliche Tod, das ist grausam. Und das Schöne ist, dass es gute Zeiten waren. Wir zogen alle an einem Strang, wir waren – so sagt man es im Arabischen – ‚eine Hand‘. Wir schwiegen nicht über die Ungerechtigkeit, das war schön.“ Abode ist es wichtig zu betonen, wie ernst es ihnen damals war: Das war wie eine Arbeit, wir mussten es tun. Meine Arbeit war es, jeden Freitag auf der Straße zu singen.“

Als ich ihn frage, was seine Arbeit jetzt sei, hier in Deutschland, verdüstert sich sein Blick kurzzeitig: „Ich weiß nicht. Ich denke, ich werde eine Ausbildung machen, als Zahntechniker. Das kann man nach der neunten Klasse machen. Wie soll ich es Dir erklären, Deutsch ist nicht meine Muttersprache. Ich weiß nicht genug, um zu lernen und dann das Abitur machen zu können. Mein Vater hat mich hierhergeschickt, damit ich Arzt werde wie er. Aber das kann ich nicht. Der Unterricht hier ist sehr schwer, ich werde nicht bis zum Abitur weitermachen und dann nochmal zehn Jahre studieren können.“ Er denkt kurz nach und fügt lachend hinzu, diesmal auf Deutsch: „Aber Zahntechniker ist auch gut.“

Abode wäre gerne bei seinen Eltern. Bei seiner Mutter, der er damals in Aleppo ein Lied aufs Handy sang. Sie solle nicht traurig sein, wenn er sterbe. Sie entgegnete, dass ja zwar alle einmal sterben müssten, er dafür aber doch wahrlich noch zu jung sei. Und bei seinem Vater, der immer fragt, was er denn in Deutschland tun solle, hier in Syrien könne er wenigstens den Menschen helfen. Aber dass er hier so weit weg wohne, das sei nicht gut für ihn. Er habe vom Leben gelernt, wenn jemand bei seinen Eltern sein könne, sei das doch das Beste: „Die zwei verlassen einen nicht, Freunde verlassen einen immer irgendwann, aber die Eltern, die bleiben. Das ist wirklich etwas sehr Schönes.“

 

Abodes Freunde spielen in der Nachmittagssonne Fußballl. Foto: Clara Wenz

Abodes Freunde spielen in der Nachmittagssonne Fußballl. Foto: Clara Wenz

 

Ein Märtyrer des Wortes

Das Lied, das Abode damals seiner Mutter auf ihr Handy sang und welches ihn bis heute wie kein anderes an seine Heimatstadt erinnert, heißt „Shahedeena rah“, das bedeutet etwa: „Unsere Märtyrer sind von uns gegangen.“ Dieses Lied ist in den letzten Jahren zum Klagelied einer Nation geworden. Angeklagt wird Bashar al-Assad, beklagt werden die Opfer des Krieges, die „Märtyrer der Freiheit“, die „von uns ins Paradies gegangen sind“. Abode hat dieses Lied unzählige Male gesungen. Es gibt da zum Beispiel eine Szene auf Youtube, wo er, das Gesicht in den Farben der syrischen Revolution bemalt, in einer Straße in seinem Viertel steht, umringt von einem fast ausschließlich aus Kindern bestehenden Publikum.

 

 

Meistens sang er das Lied jedoch bei Protesten. Dort wurden ihm jedes Mal von Neuem die Namen der Opfer ins Ohr gesagt, die er dann in seinen Gesang einfügte. Samer, Ahmed, Abu Khaled. So waren diese Proteste nicht einfach nur Proteste, sondern Gedenkmärsche gegen das Vergessen und Ausdruck der gemeinsamen Trauer. Als ihn irgendwann Truppenkommandeure von der Freien Syrischen Armee und später auch IS-Kämpfer aufforderten, auch ihre Namen zu erwähnen, sie hochleben zu lassen, blieb Abode hartnäckig: „Die, die aus unserer Mitte von uns gegangen sind, die müssen wir ehren, deshalb nennen wir ihre Namen. Ich meine, wer bist du, dass wir Deinen Namen auf dem Protest sagen müssen? Der ist für das Volk und nicht für Dich. Auch nicht für mich.“

Natürlich habe er auch viele euphorische Lieder gesungen, solche, die begeistern. Aber „Shahedeena rah“, das komme aus seinem Herzen: „Nur dieses eine Lied.“ Vielleicht, weil es ihn an seinen Bruder Abu Maryam erinnert, zu dem er damals hoch auf das Podest stieg, um zum ersten Mal zu singen: „Der war ein Revolutionär. Der war groß, fast ganz Aleppo kannte ihn, selbst das Regime. Die meinten oft: ,Komm zu uns und dir wird nichts passieren‘, aber er sagte einfach ,Nein‘.“

Wenn Abode über seinen verstorbenen Bruder spricht, hält er seine Finger überkreuzt in die Luft: „Wir waren so. Ganz einfach.“ Dann spricht von „ihrem“ Weg. Der sei friedlich gewesen. Gegen alles, was die Menschen spalte und unterdrücke, gegen die Ungerechtigkeit. Wenn er erzählt, wie sie manchmal auch ihre ganz eigenen Liedtexte komponierten, dann leuchten seine Augen. Dann ist es, als kehre er für einen Moment zurück in seine Heimatstadt, zurück in sein Viertel und in das Haus seiner Kindheit: „Im Winter haben wir uns immer ins Bad gesetzt. Wir haben die Tür hinter uns geschlossen, Feuer gemacht und saßen dann da, um den Ofen herum, nur wir beide, mein Bruder und ich. Und dann hat er sich neue Liedtexte ausgedacht und mir diktiert.“ Darin kritisierten sie nicht nur das Regime, sondern auch das Fehlverhalten der Freien Syrischen Armee.

Abode mit seinem älteren Bruder Abu Maryam, der 2014 von IS-Kämpfern entführt und hingerichtet wurde. Foto: Abode.

Abode mit seinem älteren Bruder Abu Maryam, der 2014 von IS-Kämpfern entführt und hingerichtet wurde. Foto: Abode.

 

Auch als ihr Viertel mehrere Monate von dem IS kontrolliert wurde, bestand sein Bruder Abu Maryam auf den Weg, dem sie sich verschrieben hatten. Am Ende musste er dafür mit seinem Leben bezahlen: „Nach einem der Proteste, da war er einfach weg.“ Ihre Mutter fuhr nach Raqqa, der damaligen Hauptstadt des IS. „Sie zeigte dem Richter ein Foto von ihm: Er wusste, wer er ist und sagte: Warte.“ Als er zurück kam, sagte er: „Ja, den haben wir umgebracht.“ Das war 2014. Er sei ein Säkularer gewesen, der gegen den Islamischen Staat auf die Straße gegangen war.

Ein Säkularer? Abode weiß bis heute nicht, was das genau bedeuten soll. Auch sein Bruder Wael hätte das nicht gewusst, da sei er sich sicher. „Ich kenn das Wort, aber ich weiß nicht, was man tun muss, um säkular zu werden. Ich habe das Wort zum ersten Mal von den Islamisten gehört.“ Genau wie das Wort „Ungläubiger“ oder „Apostat.“ Auch er hätte sich einen islamischen Staat für Syrien gewünscht, aber eben einen islamischen Zivilstaat.  Als ich Abode frage, was genau er damit meint, blickt er auf die Zigarette in seiner Hand und erklärt: „Naja, stell Dir vor, wir hätten hier einen islamischen Staat, nur zum Beispiel! Und dass ich jemanden schlagen würde, wenn ich ihn mit einer Zigarette erwische … In einem Zivilstaat kann ich ihm einen Ratschlag geben, mehr aber auch nicht.“ Und zur Sicherheit fügt er auf Deutsch hinzu: „Ich bin nicht sein Vormund und kann ihm sagen, ,mach die Zigarette weg.‘“

Mit dem Islamverständnis des IS kann er wenig anfangen. Überhaupt ist Abode wütend. Darüber, dass Aleppo „verkauft“ wurde, dass kaum jemand wisse, dass es die Freie Syrische Armee war, die den IS aus der Stadt vertrieben habe und dass es das Regime schaffen konnte, alles in Syrien zu einem „konfessionellen Ding“ zu machen: „Die haben uns wie Geschwister auseinandergerissen.“ Er glaubt auch, dass viele IS-Kämpfer zum Regime gehören, da sie doch letztlich geholfen hätten, diejenigen auszuschalten, an die das Regime noch nicht rangekommen war. So wie seinen Bruder Abu Maryam, den „Märtyrer des Wortes“, wie er in Bustan al-Qasr genannt wurde. Dessen Tod war schließlich für Abode der Grund, warum er floh: „Mein Vater hat mich hierhergeschickt, um zu studieren. Aber ich bin nicht raus, um zu studieren. Ich bin raus, weil ich nicht alleine weitermachen konnte. Ich habe niemandem mehr vertraut.“

„Alles kaputt, Bra!“

Letztens, ja, da habe er sich mit Freunden aus seinem alten Viertel getroffen, einige von ihnen leben ja jetzt in Düsseldorf, Köln oder Berlin. Da, zum siebten Jahrestag der syrischen Protestbewegungen, hätten sie dann auch wieder zusammen gesungen, das Klagelied von den Märtyrern. Aber eigentlich redeten sie nicht mehr viel miteinander. „Jetzt hat jeder seine Verantwortung, Schule, Arbeit und solche Dinge.“ Für Abode sei „die Sache mit dem Singen“ jetzt ein für alle Mal vorbei.

Musik hört Abode aber trotzdem noch, jetzt vor allem irakische Lieder. Das Arabisch der Iraker, so wie man es auch in Raqqa spricht, das liebt er. Das klinge, „als käme es direkt aus dem Herzen.“ Manchmal, so wie alle hier, hört Abode auch den Rapper Capital, dann aber lieber alleine. „Die wissen gar nicht, was sie sagen, die labern nur ,Alles kaputt, Bra! Mach alles kaputt!‘“ Ob ich das mal hören wolle? Kurz darauf schallt es aus seinem Handy: „Egal was du redest, fick dich du Bastard. Ich will Mercedes, fick Deine BahnCard.“ Abode lacht. Er habe das Gefühl, die Texte seien alle gleich, genau wie in Aleppo, da hätten sie immer nur über Liebe gesungen. Nun schwingt doch ein bisschen Stolz in seiner Stimme: „Als ich gesungen habe, sang ich was ganz anderes, ich habe nur gegen das Regime und gegen den IS gesungen, sonst nix. Jetzt sing ich nicht mehr. Ich lebe jetzt ein normales Leben.“

Manches versteht Abode in diesem normalen Leben nicht. Hier in Deutschland, wo jeder frei sei, das zu tun, was er wolle. Wo die Werte ihrer Revolution, die Frage danach, was richtig und was falsch sei, irgendwie nicht passen. Nicht nachvollziehen kann er zum Beispiel, warum die drei Busse, die in Anlehnung an das Kriegsgeschehen in seinem Viertel als Mahnmal in Dresden und dann am Brandenburger Tor ausgestellt wurden, so umstritten waren. Von manchen Pegida-Anhängern wurde das Kunstwerk von Manaf Halbouni sogar für ein IS-Denkmal gehalten. „Die wurden bei uns aufgestellt, um Zivilisten zu schützen, damit die Scharfschützen nicht sehen, wenn dort jemand läuft. Die waren also weder für IS noch sonst für wen.“

Abode kann auch nicht verstehen, wie Leute hier denken können, Kinder wären auf Demonstrationen in Syrien instrumentalisiert worden. „Nein. Die Kinder waren doch der größte Beweis, dass unsere Revolution friedlich und nicht bewaffnet war. Ich war elf, wie hätte ich denn bitte kämpfen sollen, als Einzelner oder mit Waffen?“ Später, ja, da habe es in Aleppo auch kämpfende Kinder gegeben, aber am Anfang, „da gab es keine Waffen, nicht mal ein Messer.“ So würde er seine Revolution auch den Deutschen erklären, ganz einfach, als eine Bewegung, die mit Kindern angefangen hat und erst dann bei den Erwachsenen ankam. Schließlich seien es Kinder gewesen, deren Ermordung durch Sicherheitskräften Proteste der Familien verursacht hätten. Auch ihn hätten sie mitgenommen und geschlagen, nachdem er mit Schulfreunden Parolen gerufen hatte, da sei es doch klar, dass er gegen die sei. „Warum schlagen die mich? Polizei schlägt?“, Abode schaut mich fragend an und hakt nach, diesmal auf Deutsch: „Eigentlich nicht, oder?“ Wir schweigen.

Schild in Marl: "Marl hat keinen Platz für Rassismus." Foto: Clara Wenz

Schild in Marl: „Marl hat keinen Platz für Rassismus.“ Foto: Clara Wenz

 

Abode verabschiedet sich und geht zu seinen Freunden, die jetzt aufgehört haben, Fußball zu spielen. Ich blicke ihm nach. Einer der Betonblöcke, hinter dem die Sonne untergeht, ist bunt angemalt, auf dem Gemälde blickt ein Junge mit einem Fernrohr in ein Weltall voller Ufos und Planeten. Marl ist eine Stadt voller Farbkleckse und Lichtpunkte, man muss nur lang genug hinsehen. Dann fällt auch das gelbe Ortschild am Rathausplatz auf, welches Besucher willkommen heißt: „Marl hat keinen Platz für Rassismus.“ Marl hat Platz für Helden, für einen wie Abode.

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