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Amer (links) und Bekannte in einem Bunker unter Ghouta. Foto: Video-Screenshot. Amer (links) und Bekannte in einem Bunker unter Ghouta. Foto: Video-Screenshot.

Trotz der vom UN-Sicherheitsrat beschlossenen Waffenruhe geht das Bomben in Ost-Ghouta weiter. Die Menschen vor Ort leiden und appellieren an die versagende Weltgemeinschaft. Ansar Jasim hat beeindruckende und bedrückende Stimmen aus Ost-Ghouta gesammelt.

 
Eigentlich hatte der UN-Sicherheitsrat Samstagnacht eine Waffenruhe beschlossen. Nach tagelanger intensiver Bombardierung hatten die Bewohner von Ost-Ghouta gehofft, endlich wieder einmal schlafen zu können. Die Bombardierungen waren teilweise so intensiv gewesen, dass die Bergungstruppen der sogenannten zivilen Verteidigung die Verletzten und Leichen nicht bergen konnten. Nachdem tatsächlich von 0 bis 2 Uhr in der Nacht zu Sonntag keine Flugzeuge über dem Himmel von Ost-Ghouta kreisten, wurden danach die Bombardements fortgesetzt – gemeinsam mit einer beginnenden Bodenoffensive.

Leila, nur eine der vielen aktiven Stimmen der Zivilgesellschaft in Ost-Ghouta und Leiterin eines Frauenzentrums in Ost-Ghouta, schreibt über ihre anfänglichen Hoffnungen: „Heute hätte es eine Waffenruhe geben sollen! Aber ich bin heute früh immer noch in einem Bunker aufgewacht. Noch auf der Matratze sitzend, beginne ich mir vorzustellen, wie ich meine Sachen packe und alles mit nach Hause nehme. Dann putze ich, wasche ab, mache die Wäsche und meine kleine Tochter Elena kann in ihrem Zimmer spielen. Und mein Ehemann Rafat wird mir vielleicht sogar helfen 😉 Und dann werde ich Elenas Geburtstag planen, der schon am 21. Januar war , doch wir konnten ihn damals nicht feiern.
Meine Träume waren ganz bescheiden und all das ist unser Recht, aber dann hörte ich auch schon wieder das Geräusch einer Rakete, das alle meine Vorstellungen verbrannte und mir mitteilte, dass ich bis erst mal hier bleiben muss. Den Geburtstag meiner Tochter werde ich nur in meinen Vorstellungen feiern.“

 

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Die Geburtstagsfeier von Leilas Tochter bleibt ein Wunschtraum

Wie Leila gibt es noch ca. 400.000 Menschen, die auf einen Stopp der Bombardierungen und eine Beendigung der Hungerblockade warten.

Die wichtigsten Forderungen sind nun:

  • Humanitäre Hilfe und Medizinische Lieferungen 
  • Die Evakuierung von 1036 medizinischen Härtefällen 
  • Permanenter Waffenstillstand für ganz Syrien und Auflösung der Belagerungen von über 50 Gemeinden in Syrien (siehe siegewatch.org)

Amer aus Hamouriya, eine Kleinstadt in Ost-Ghouta, hat uns vor 3 Tagen diese Videos geschickt:

Amer war vorher Lehrer. Nun arbeitet er beim „Human Touch Center for Studies and Social research“ sowie mit einer Freiwilligengruppe Mulham, die sich um Waisenkinder kümmert.

Im Video sgat Amer: Hey, hier ist Amer aus Ost-Ghouta. Ost-Ghouta ist seit 2013 vom syrischen Regime belagert. Derzeit ist Ost-Ghouta einer systematischen Militärkampagne durch das syrische Regime und die russische Luftwaffe ausgesetzt. Die russischen Flugzeuge haben alle Krankenhäuser ins Visier genommen und mehr als 20 von ihnen komplett außer Betrieb gesetzt. Zudem wurden die Gemeindebäckereien und alle zivile Wohngegenden bombardiert, was zu mehr als 325 Toten in fünf Tagen geführt hat.

Die Bombardements, denen Ost-Ghouta ausgesetzt ist – seht selbst, wir sind gerade in eine der Straßen – haben dazu geführt, dass viele Wege nicht mehr benutzbar sind und die Rettungsautos und Feuerwehrleute Schwierigkeiten haben, voranzukommen und Menschen zu bergen. Alle Zentren der Feuerwehr wurden beschossen.

Gerade sind wir hier in einer der Straßen. Ihr fragt euch, wie wir hier stehen können? Vor zehn Minuten hat es zu regnen begonnen. In den letzten fünf Tagen waren die Menschen in den Bunkern und konnten nicht rausgehen, man bewegt sich unter der Erde. Die meisten Menschen in Ost-Ghouta haben aber keine Bunker und haben stattdessen Gruben gegraben, ähnlich wie Gräber. Dort sind sie. Diese Bunker sind nicht gesund, sehr viele ersticken darin. Die meisten, die in diesen Bunkern sind, sind Frauen, Kinder und ältere Menschen.

Die Menschen benutzen derzeit nicht trinkbares Wasser und nehmen jeden Tag oder auch nur jeden zweiten eine Portion Nahrung zu sich. Es ist meistens Suppe, die nicht ausreicht, um den Hunger zu stillen.

Ihr seht gerade, dass die Menschen draußen herumlaufen. Seit fünf Tagen konnten sie nicht rausgehen. Und ich bin einer von ihnen.

Jetzt, nach diesem intensiven Bombardement und seitdem der „Glücksregen“ runterkommt, frage ich mich, ob der Himmel weint um uns und das, was den Syrer_innen an Leid geschieht. Weint er wegen dem, was passiert, während die Weltgemeinschaft schweigt? Wegen des Ausrottungskriegs, der geschieht, und niemand bewegt sich?

Meine letzte Botschaft: Wir verlangen keine langanhaltende Waffenruhe, wir verlangen bloß eine kurze Waffenruhe, damit wir rausgehen können und unsere Lieben begraben können. Wir appellieren an eure Menschlichkeit.

Salamat.“

„Wir verlangen eine kurze Waffenruhe, damit wie unsere Lieben begraben können.“

  • Hallo
  • Wie heißt du?
  • Mahmoud
  • Wie alt bist du, Mahmoud?
  • Zehn Jahre alt.
  • Mahmoud, erzähl uns ein bisschen, wie du die letzten Tage verbracht hast.
  • Es hat Beschuss gegeben.
  • Wo hast du die letzten fünf Tage gelebt?
  • Zu Hause.
  • Zu Hause oder im Bunker oder wo?
  • Bei uns in der Straße gibt es einen Bunker.
  • Erzähl uns, was da passiert ist.
  • Wir waren zu Hause und dann wurden wir beschossen.
  • Ist jemanden was passiert?
  • Nein, es gibt jemanden von einer Hilfsorganisation, dem ist was passiert.
  • Und den kennst du?
  • Ja, Abu Qasim Iyad heißt er.
  • Was weißt du über diesen Mann?
  • Er hat Essen und Trinken verteilt.
  • Hast du ihn gern gehabt?
  • Ja, er war nett.
  • Was machst du jetzt gerade draußen?
  • Ich versuche, was zu essen zu besorgen.
  • Wieso, wie lange hast du denn schon nichts gegessen?
  • Seit dem Morgen, da habe ich nur einen Happen gegessen.
  • Warum isst du denn nichts?
  • Es gibt kein Essen.
  • Wohin gehst du jetzt, um Essen zu besorgen?
  • Wohin auch immer.
  • Wie meinst du das?
  • Ich gehe jetzt erst mal zurück nach Hause.
  • Und für wen besorgst du das Essen?
  • Für mich und meine Familie.
  • Wie viele seid ihr denn?
  • Sechs und dann noch meine verheiratete Schwester, also sieben.
  • Wie alt sind deine Geschwister?
  • Meine Geschwister… also, ich habe einen Bruder, der ist 15 Jahre alt und er meinte, dass er bis Sonntag arbeiten muss.
  • Wo ist er denn?
  • In Kafr Batna [Anm.: eine Kleinstadt in Ost-Ghouta]. Und dann ist noch einer 14 Jahre alt und der arbeitet auch in den Tunneln der Bunker.
  • Was essen deine Geschwister denn? Kannst du ihnen denn Essen bringen? Was wünschst du dir jetzt?

Amer hat weitere Videos geschickt, etwa aus einem Bunker, dort haben die Menschen Angst, dass sie bombardiert werden, wenn der Ort bekannt wird, an dem sich der Bunker befindet. Deswegen bleibt dieses Video ohne Ortsangabe. Keine unberechtigte Angst, fliegen doch permanent russische Aufklärungsdrohnen in Ghouta, um Ansammlungen von Zivilst_innen festzustellen.

In den Bunkern ist es sehr eng, weil sich sehr viele Menschen gleichzeitig darin aufhalten. Sie wurden teilweise schon vor Monaten gebaut. Schon damals war das sehr schwierig, weil man dafür einen Bagger brauchte, der wiederum Kraftstoff braucht, und der war teuer. Dieses Video vermittelt einen Eindruck:

 

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