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Uni-Seminar 1350 - und heute? Quelle: Wikimedia (Public Domain) Uni-Seminar 1350 - und heute? Quelle: Wikimedia (Public Domain)

Was hat wissenschaftliches Arbeiten eigentlich mit autoritärer Politik zu tun? Warum sind „innovative Policy-Ansätze“ so unpolitisch? Und worüber „lohnt“ es sich dann überhaupt noch zu diskutieren? Eine Winterschule, die den Auswirkungen der „Arab uprisings“ nachspüren wollte, gab ungewollt viele Antworten. Von Johannes Gunesch

„The MENA-Region in International Relations: Power, Politics and Ideology“ – das war der vielversprechende Titel einer Winter-School, die Ende Februar in Tunis stattfand. Für eine Woche waren junge Erwachsene eingeladen, ihren „Horizont zu erweitern“ und „eingehendes Wissen über die Region“ zu erlangen. So haben es die Verantwortlichen formuliert, deren Ankündigungen und Aussagen ich auch die folgenden Zitate und wortwörtlichen Übersetzungen entnehme.

Die Veranstaltungsausschreibung hat mich angesprochen, weil es in meiner Promotionsarbeit um die ägyptische Revolution in den internationalen Beziehungen geht. Über die Einladung zur Teilnahme habe ich mich denn auch sehr gefreut. Und ich habe auch sehr viel davon gelernt – allerdings vor allem darüber, wie „der Nahe Osten“ selbst dann untergeordnet wird, wenn es eigentlich um „gegenseitigen Austausch“ geht.

Das ist natürlich eine große Aussage, vielleicht zu groß. Umso wichtiger ist es, einzelnen Punkten etwas genauer auf den Grund zu gehen: So zeigt der Verlauf der Winterschule, dass „Dialog“ immer schwieriger und die Bedingungen für demokratischen Wandel immer enger werden, wenn auch wissenschaftliches Arbeiten zunehmend den Anforderungen des Marktes ausgesetzt ist. Das passiert allen guten Absichten zum Trotz – und ist deshalb so eine heikle Angelegenheit, die nicht zuletzt auch die journalistische und politische Bildungsarbeit von Alsharq betrifft.

Wer, was und wie?

Aber der Reihe nach: Hinter der Winterschule stehen mit der International Association for Political Science Students sowie dem Centre international de formation européenne zwei Organisationen, die mit und für Studierende arbeiten, sich für „sustainable higher education“ und „kulturellen Austausch“ einsetzen.

Nachdem zuvor Seminare in Venedig, Kiew oder Rabat veranstaltet wurden, sollten nun auch in Tunis junge Menschen zusammenkommen, sich austauschen, Kontakte knüpfen, einen neuen Ort kennenlernen und persönliche Eindrücke sammeln können. Das ist definitiv wichtig und hat viel „Potential“, wie uns in der Begrüßungsrede vermittelt wurde. Schließlich sind es ja auch „wir“, die die Forderungen nach demokratischem Wandel, die seit 2011 an so vielen Orten angestoßen wurden, in Zukunft aufgreifen und hoffentlich vorantreiben können.

An der Winterschule haben rund 30 Menschen teilgenommen. Das waren neben Leuten wie mir, die sich extra dafür beworben haben, auch Studierende eines MA-Programms zwischen Tunis, Rom und Nizza sowie vereinzelt Studierende der Uni, an der die Seminare stattfanden. Während der Großteil der Teilnehmer*innen bezeichnenderweise aus westeuropäischen Ländern kam, war von BA-Studierenden bis Post-Docs ansonsten alles dabei. Viele Leute hatten irgendeinen „Regionalbezug“, ein paar wenige hatten mit „dem Nahen Osten“ dagegen bisher nichts zu tun.

Die Inhalte der Winterschule waren zwei- bzw. dreigeteilt. Der erste Teil bestand aus Vorträgen zu den Themen „Democratization and regime-change“, „Political economy and economic reform“ sowie „Security and power-politics“. So sollten soziale, politische, ökonomische Faktoren sowie deren Einfluss auf die Transformationsprozesse „in der Region“ erschlossen werden. Um „dieses Wissen anzuwenden“, wurden für den zweiten Teil dann sogenannte Policy-Labs konzipiert. Gleichzeitig fanden für einen anderen Teil der Gruppe Research-Labs statt, in denen über Forschungsmethoden und -ethik sowie insbesondere über Interview-Praxis gesprochen wurde.

„Innovativ“ und … sonst so?

Während die Vorträge des ersten Teils von in Tunis ansässigen Wissenschaftlern, Politikern und Vertretern von Nichtregierungsorganisationen gehalten wurden, sind für die Policy- und Research-Labs extra „Coaches“ aus Deutschland bzw. Wales eingeladen worden (ja, allesamt Männer). Im Unterschied zu den Verantwortlichen der Winterschule, die selbst „Middle Eastern Studies“ studieren, bleibt die Frage nach der Regionalerfahrung dieser „Coaches“ offen: Einer hatte beruflich mit „innovation and digitalization in different policy-sectors“ zu tun, den zweiten, ein „political innovation consultant“, zeichnet ein „special interest in China and the Middle East“ aus, der dritte hatte zu Bio-Patenten und Agrar-Regularien in den USA geforscht.

So sehr mein Wohlwollen derweil auch strapaziert wurde, geht es nicht um pauschale Kritik. Wenn ich über diese „Experten“ nachdenke, über ihre Rolle, über die Bedingungen, die sie dazu machen, sowie die Folgen dieser Umstände, dann will ich keine simplen Gegensätze konstruieren: Weder will ich „Lokalität“ romantisieren, noch lehne ich Autorität pauschal ab. Aber ich glaube, dass es eine sehr deutliche Sprache spricht, wenn die Verantwortlichen die Möglichkeit haben, die Winterschule zu gestalten – und sich dann für genau diese Formate mit genau diesen Leuten entscheiden, weil sie das für „innovativ“, „spannend“ und „hilfreich“ halten, wie es im Programmheft heißt.

 

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Marketplace of not so great ideas

Das Ziel der Policy-Labs war, „urgent policy challenges in the MENA-region“ mit einem „design thinking approach“ zu bewältigen. Dafür wurden den Teilnehmer*innen im Vorfeld Texte geschickt und kleinere Aufgaben zur Vorbereitung gestellt. Anschließend wurden drei Gruppen gebildet, die innerhalb von zwei Tagen Prototypen für Projekte zu den Themen Sicherheit, Partizipation und politische Ökonomie erstellten.

„Design thinking“ wurde als „neueste Methode für Policy-making“ eingeführt. Dabei soll einerseits bewusst vereinfacht werden, um eine kreative Idee zu „pitchen“ und diese dann weiterzuentwickeln. Andererseits soll „der Mensch in den Mittelpunkt“ gestellt werden, ohne sich von „technokratischen Hürden“ behindern zu lassen. Das klingt nicht nur total unpolitisch, sondern ist es auch.

So zielten alle drei vorgestellten Projekte darauf ab, dass Menschen Eigenverantwortung für Dinge wie Aus- und Weiterbildung übernehmen sollen, die eigentlich der Staat erfüllen müsste. Auch Fragen der Umsetzbarkeit, wenn es also um die politische Aushandlung geht, spielen hierbei erstmal keine Rolle. Das haben Teilnehmer*innen auch angemerkt, wurden aber durch eine Stoppuhr zum Weitermachen angehalten, time ist schließlich money und unter Zeitdruck arbeitet es sich ja am besten.

Kein kritisches Potential

Ebenso unpolitisch und auf Vermarktung gemünzt waren die Research-Labs. Es ist daher kein Zufall, dass die Instruktionen zu „gutem Forschen“ in dem Brustton positivistischer Selbstsicherheit vorgetragen wurden: „Objektivität“, „Generalisierung“, „Fakten“. Der „Nutzen“ von Wissen wird in unserer Aufmerksamkeitsökonomie schließlich vor allem darin bemessen, zu möglichst vielen Themen möglichst schnell etwas zu sagen zu haben. Es geht darum, gehört zu werden, den Diskurs zu bestimmen. Differenzierung, Hintergrund, Kontext und Machtverhältnisse werden da oft zu unnötigem Ballast.

Was das konkret bedeutet, lässt sich an drei Beispielen ablesen:

Erstens, „Fakten“ statt Verhältnisse. In den Research-Labs wurden wir angehalten, „Fakten“ zu erforschen und zu verifizieren. Dafür gibt es aufwendige Methoden, keine Frage. Doch was sind Fakten, wenn es unterschiedliche Ansichten darüber gibt, was passiert, wenn Ereignisse für unterschiedliche Leute eine unterschiedliche Bedeutung haben, und wenn es viele Faktoren gibt, die Ereignisse ebenso prägen wie deren Wahrnehmung? Soll heißen, es geht nicht nur darum, festzulegen, „was ist“, sondern auch darum, nachzuvollziehen, wie Entwicklungen verlaufen und wer wie darüber spricht. Solange das nicht passiert, geht jedes kritische Potential verloren, dass die Dinge auch anders sein könnten. Dann wird weiter über „den Nahen Osten“ gesprochen als sei das ein isoliertes Objekt. Und es wird über das vermeintliche „Scheitern der Revolutionen“ gesprochen als sei das eine ausgemachte Sache, back to square one of „Arab exceptionalism“.

Zweitens, Emotionen als systematischer Fehler. Um „Fakten“ zu schaffen, wurden wir immer wieder darauf hingewiesen, „bias“ zu vermeiden. Als „bias“ gelten alle Faktoren, die die „Objektivität“ der Forschung beeinflussen, also im weitesten Sinne Emotionen und Affekte. Doch sowohl wissenschaftliches Arbeiten als auch dessen jeweiliger Gegenstand sind soziale Angelegenheiten. Dabei kommen Menschen miteinander in Kontakt, nicht Maschinen. Das stellt nicht nur grundsätzlich die Annahme einer „wertfreien“ Forschung in Frage, sondern erfordert insbesondere anzuerkennen, wie über Emotionen Politik gemacht wird: Autoritäre Politik verbreitet Angst und Schrecken – egal wo. So zu tun, als ließe sich das zugunsten einer künstlichen „Objektivität“ ausblenden, macht wissenschaftliches Arbeiten zum Erfüllungsgehilfen der Restoration. Und ja, ich finde, dessen sollten sich auch all jene bewusst sein, die „Stabilitätspolitik“, „Terrorismusbekämpfung“ oder andere Formen autoritärer Herrschaft untersuchen.

Drittens, Ethik zum Abhaken. Die Teilnehmer*innen auf die Anforderungen verantwortlicher Forschungspraxis hinzuweisen, war definitiv ein wichtiger Bestandteil der Research-Labs. Grundsätzlich geht es dabei darum, wie die Sicherheit und Integrität von Forscher*innen, Gesprächspartner*innen und daraus generierten Informationen und Materialien gewährt werden kann. Was das konkret erfordert, ist von Land zu Land oft sehr unterschiedlich. An britischen Universitäten zum Beispiel gibt es „institutional review boards“, an deutschen kaum. Doch die Diskussion über „research ethics“ auf eine Checkliste zu beschränken, die abgearbeitet werden muss, schränkt Verantwortung künstlich ein. Denn weder ist Forschungs- und insbesondere qualitative/ethnographische Arbeit eine lineare Angelegenheit; noch lassen sich Machtverhältnisse einfach zusammenfassen oder gar auflösen: Das ominöse „Feld“ ist also keine separate geografische und temporäre Einheit, die betreten und wieder verlassen wird; und Verantwortung bedeutet mehr, als Informationen von „refugees“ oder „elite politician“ zu erhalten, wie unser „Coach“ bezeichnenderweise seine Vorstellung umriss.

Wie viel Raum für Diskussion?

Natürlich ist es nicht einfach, so eine Veranstaltung zu organisieren, insbesondere wenn Leute mit unterschiedlichen Hintergründen und Erwartungen teilnehmen. Man kann das daher sicherlich auch alles anders sehen. So hat es vielleicht etwas Positives, sich der „Region“ auf unpolitische und ahistorische Weise zu nähern. Statt einen bestimmten Zugang vorauszusetzen, sei es aufgrund einer emotionalen Beziehung oder theoretischen Konstruktion, kann Relevanz dann erstmal argumentativ ausgeführt werden. Das hilft, einen ersten Überblick zu bekommen und erleichtert den Vergleich. Auch kann ich nachvollziehen, dass manche Ansichten mittlerweile so hegemonial sind, dass sie als selbstverständlich oder gar natürlich gelten. Kritik wird dann entweder als aufmüpfig oder als irrelevant abgetan. Es gilt schließlich „die großen Probleme des Nahen Ostens“ zu lösen. Sollten wir also weitermachen wie bisher und hoffen, dass alles gut wird?

Ich finde nicht, und zwar aus drei Gründen: Der erste ist, dass sich die Winterschule an junge Menschen gerichtet hat, die „die Zukunft bestimmen“ sollen. Deshalb ist es wichtig, alte Ansichten nicht unwidersprochen zu übernehmen. So ist es vielleicht Teil des „Problems des Nahen Ostens“, wie und von wem über „Lösungen“ gesprochen wird. Der zweite Grund ist, dass die Winterschule die offene Frage aufgreifen wollte, welche soziopolitischen Veränderungen die Umbrüche der vergangenen Jahre angestoßen haben. Dazu gehört meiner Meinung nach auch, wissenschaftliche Arbeit und die damit verbundenen Anforderungen, Erwartungen und Hierarchien zu hinterfragen. Und der dritte Grund ist, nicht nur „Dialog“ einzufordern, sondern auch über die vielen Faktoren nachzudenken, warum das oft viel schwieriger ist – allen guten Absichten wie bei dieser Winterschule zum Trotz.
 

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