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Eva Tepest ist Journalistin und freie Autorin mit Sitz in Berlin. Grafik: Tobias Pietsch Eva Tepest ist Journalistin und freie Autorin mit Sitz in Berlin. Grafik: Tobias Pietsch

Die neue deutsche Bürgerlichkeit ist von Verlustängsten geplagt. Der weiße Mann ist voller Panik, bald nicht mehr Herr im Haus zu sein, und sucht nach Halt. Dabei attackiert er mit Vorliebe Geflüchtete und verkriecht sich in einer sozialchauvinistischen Fantasiewelt, schreibt Eva Tepest.

Dieser Text ist Teil der neuen Alsharq-Kolumne „Des:orientierungen“, die immer Freitags erscheint.
Alle Texte der Kolumne finden Sie hier.

Anfang der Woche sorgte der frisch gebackene Gesundheitsminister Jens Spahn mit seiner grundfalschen armutspolitischen These für Aufsehen, mit Hartz IV müsse niemand in Armut leben. Während der neue Pop-Star der deutschen Konservativen sich damit selber in die Schlagzeilen katapultierte, wurde der Hintergrund seiner Äußerungen schnell vergessen: die Entscheidung der Essener und anderer Tafeln, nur noch Menschen mit deutschem Pass zur Essensausgabe zuzulassen.

Eine Entscheidung, die Spahn so verteidigte: „Junge [ausländische] Männer treten derart dreist und robust auf, dass Ältere oder Alleinerziehende keine Chance mehr haben, auch etwas von den Lebensmitteln abzubekommen.“ Er schaffte es also, sich rassistisch zu äußern und gleichzeitig diejenigen abzuwatschen, denen es nicht gelingt, mit Hartz IV in Würde über die Runden zu kommen. Way to go.

Etwa zeitgleich ging Uwe Tellkamps rassistische und mit Mythen von Sozialschmarotzern gespickte Tirade vergleichsweise unter: „Wir veranstalten ein Großexperiment, ohne dass die Leute, die daran teilnehmen müssen, gefragt werden. Machen Sie sich keine Sorgen, dass sich das Land in sehr kurzer Zeit verändert? 95 Prozent der Migranten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung. Sie wandern in die Sozialsysteme ein.“ Tellkamp findet, dass dahinter eine „Gesinnung“ stecke, ein „System“, angeführt von einer Regierung, die „die Kontrolle verloren hat“ und „Journalisten, die im Vorhinein auf Regierungslinie sind.“

Was Jens und Uwe (und Rüdiger und Michael und Gerhard) verbindet, ist die Angst: Die Angst einer Bürgerlichkeit, die sich nach der alten Ordnung sehnt. Einer Bürgerlichkeit, die sich durch eine Matrix aus Sozialangst, Fremdenhass und bürgerlichen Dünkel auszeichnet.

Tellkamps rechte Gewalt – alles fiktiv, eh klar

Jens, der dynamische Konservative aus dem Westmünsterland, hat Armut selber wahrscheinlich noch nie erlebt. Schülerunion, Bankkaufmann, Bundestagsabgeordneter mit 22: Keine Existenzangst in Sicht.

Dafür formuliert Spahn eine sehr spezielle Sorge: „Ich möchte nicht, dass es eine Partei rechts von uns im Parlament gibt“. AfDler*innen lehnt er ab, weil sie der CDU die Wähler*innen wegnehmen; und er bezeichnet sie deshalb auch als „Spalter“ und nicht als das, was sie sind: Faschist*innen. Dass Spahn selbst – und mit ihm die von ihm herbeigesehnte neue Union ohne GroKo-Appeasement – selber die rechteste Bastion im Bundestag sein will, unterstreicht er durch diverse Äußerungen: Mal regt er sich darüber auf, dass Kellner in Berlin Englisch sprechen, mal über die „verklemmte Spießigkeit“ von „arabischen Muskelmachos“, die in seinem Fitnessstudio in Unterhose duschen.

 


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Neben dieser rassistischen Fluchtlinie zeichnet sich Spahns Programm für seine Zeit als Gesundheitsminister dadurch aus, nach unten zu treten. Motto: Essen darf, wer etwas leistet. Die erste Frage eines Geflüchteten in Deutschland soll nach dieser Denke nicht sein: „Wo kann ich einen Antrag stellen“, sondern: „Wo kann ich anpacken?“ Nieder also mit Scheinarmut und Leistungsverweigerung!

Die bürgerliche Kindheit von Uwe Tellkamp im Dresden der DDR löste sich zu großen Teilen in Luft auf – obwohl er immer noch gerne bei der Buchhandlung Loschwitz am Fuße des Villenvierteles Weißer Hirsch einkauft. Deren Inhaber warf dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels für dessen Umgang mit rechten Verlagen übrigens vor, einen „Gesinnungskorridor“ zu schaffen.

Tellkamps zweiter Roman Der Eisvogel von 2005 handelt von Wiggo, einem arbeitslosen Philosophiestudenten aus gutem Hause mit daddy issues, der sich schließlich einer elitären rechten Terrororganisation anschließt. In dem Buch stehen Sätze wie: „Siehst du, wenn du dich nicht anstrengst und das bisschen Zusammenreißen nicht fertigbringst, dann wird das Leben so aussehen wie ich, wenn mir die Zornesader schwillt, kapiert, mein Sohn“. Oder dieser: „Krieg: Die geistig Tätigen brauchen ihn, denn dann wird ihre Stimme wieder Gewicht haben, wieder gehört werden im Ozean der Meinungen, nachdem sie zur Bedeutungslosigkeit vergangen sind nach dem Fall der Ideologien.“ Von Existenzangst zu intellektuell verbrämter rechter Gewalt. Alles fiktiv, eh klar.

Ein Gespenst geht um in der Bundesrepublik

Die reflexartigen Reaktionen auf Jens und Uwe sind derweil berechenbar: Auf der einen Seite Diskussionen darüber, ob Suhrkamps Entscheidung, sich von Tellkamp in einem Tweet zu distanzieren, gut umgesetzt war, was ich bezweifle. Auf der anderen Seite armutsgeile Vorschläge wie den, Spahn solle mal einen Monat von Hartz IV leben, which doesn’t even make sense.

Zum größten Teil unbeackert blieb dabei der überdimensionale Wurm im Apfel deutschsprachiger intellektueller Debatten. Ein Gespenst geht um in der Bundesrepublik: Das Gespenst des sozialen Abstiegs. Gepeinigt werden davon offenbar vor allen Dingen die Besserverdienenden, die sogenannte bürgerliche Mitte. Und ihre öffentlichen Vertreter gerieren sich immer mehr wie ein post-ironischer AfD-Thinktank. Ihr Nährboden: Besitz und Status, die aufgrund von sozialem und kulturellen Wandel bedroht scheinen.

Die Kombination männlich, weiß, ostdeutsch, unterer Mittelstand spuckte am häufigsten ein Kreuz bei der AfD aus. Mehrere Faktoren bedingen also rechtes Wahlverhalten: Zum einen sind AfD-Wähler nicht in erster Linie arbeitslos oder prekär beschäftigt, viele verdienen gut – zweistellige Werte gewinnt sie auch bei Beamten und Selbstständigen. Sie haben also alle etwas zu verlieren.

Zum anderen sorgt der daraus resultierende gefühlte Kontrollverlust besonders bei weißen Männern für die Panik, irgendwann nicht mehr Herr im Haus zu sein und mit ihren Privilegien ihre gesamte Identität zu verlieren: „The disappointment of (…) white guys is so very raw. They grew up expecting the whole world in a lunchbox, and now, they can’t even get themselves a sandwich. It’s men’s dashed dreams that seem to matter most. And it is men’s resentful rage that makes their frustration fearful”, schreibt die britische Journalistin Laurie Penny[1]. Demnach sind es die aufgrund von Geschlecht und whiteness privilegierte Menschen, die ihre Verunsicherung auf das Fremde projizieren: 95 Prozent der AfD-Wähler*innen fürchten sich davor, dass die deutsche Kultur und Sprache ins Hintertreffen geraten.

Auch Class spielt dabei eine Rolle, aber eben auf eine komplexere Art, als wir uns das manchmal vorstellen. So adressiert auch Didier Eribon in Rückkehr nach Reims (allzu oft auf die These verkürzt, dass Arbeiter*innen nun rechts wählen, weil die Linke sie fallenließ) eine neue rechte Allianz: Dabei würden „Teile der prekarisierten und verwundbaren Unterschicht mit Leuten aus Handelsberufen, mit wohlhabenden, in Südfrankreich lebenden Rentnern, ja sogar mit faschistischen Exmilitärs und traditionalistischen Katholiken“ gemeinsame Sachen machen[2]. Die bürgerliche Rechte ist also auf dem Vormarsch. (In den USA, wo am häufigsten wohlhabende Republikaner*innen Trump wählten, sieht es ähnlich aus.)

Die heile, weiße Fantasiewelt

Die Sozialchauvinisten, das ist an vielen Orten zu beobachten, bangen um die eigene Vormachtstellung und greifen deshalb das Fremde an. Sie fürchten sich vor den Geflüchteten, die das Sozialsystem vermeintlich nicht verkraftet oder die sich erdreisten, in Badehose zu duschen. Getrieben sind sie von der Unsicherheit, doch nicht ganz zu den Mächtigen zu gehören: Der aus kleinbürgerlichem Milieu stammende Jens würde lieber Christopher oder Alexander heißen; und der ostdeutsche Uwe beklagt sich, dass alle immer draufhauen auf das schöne, elitenferne Dresden. Verkriechen würden sich Jens und Uwe dabei am liebsten in eine heile weiße Fantasiewelt: Dresden ohne Geflüchtete, Berlin ohne englischsprachige Hipster oder gleich das Sauerland, „unser Silicon Valley“ (Spahn).

Bei all dem werden Menschen aus unterschiedlichen Gründen – und oft mehrfach – benachteiligt. Und während sich die Debatte an „Kulturfragen“ auflädt, setzt die Bundesregierung heimlich still und leise den Familiennachzug aus und niemand interessiert sich für die Dutzenden Anschläge auf Moscheen, Kulturzentren und Geschäfte mit türkischem Hintergrund. Neue alte deutsche Angst: „I don’t know if it’s German angst, but there is something uniquely creepy about Germans.”

 

Die Kolumnstin: Eva Tepest ist Journalistin und freie Autorin mit Sitz in Berlin. 

 

Literaturnachweise:

[1] Penny, Laurie. Unspeakable things: Sex, lies and revolution. London: Bloomsbury Publishing, 2014, S. 63

[2] Eribon, Didier. Rückkehr nach Reims. Berlin: Suhrkamp Verlag, 2016, S. 128.

 

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